Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 24. April 2019

Ausgabe vom 17. Februar 1998

Strafantrag gegen LN-Redaktion: Verdacht der Volksverhetzung

Bündnis 90 / Die Grünen

Von Karl-Heinz Haase

Als wir in die Weihnachtsausgabe der LN sahen, glaubten wir zunächst, unseren Augen nicht zu trauen: "Schandfleck nicht weiter dulden". Wir wollten einfach nicht glauben, daß diese auf Seitenbreite ge-spreizte Überschrift der Weihnachtsausgabe der LN Wirklichkeit ist. In dem nachfolgenden Artikel fanden wir die reißerische und zugleich suggestiv überzeichnende Darstellung einer behördlich tolerierten Lübecker Wagenburg: "Überall liegt Unrat herum,..." - "Darüber hinaus gebe es Anzeigen wegen Diebstahls und Sachbeschädigung aus dem Umfeld...." (Anm.: Was sollen die Leser hieraus folgern?) - "Daß, wie schon mehrfach befürchtet, Abwässer auch ungeklärt in den Stadtgraben geleitet werden, konnte bisher (Unterstreichung durch uns) allerdings nicht bewiesen werden".

Warum muß man sich so austoben an Menschen, die ein wenig außerhalb der Norm stehen? Können sich die Schreiber solcher Artikel nicht vorstellen, wie den Bewohnern der "Wagenburg" zumute sein wird, wenn sie so kalt zur Zielscheibe gemacht werden? Von Weihnachten als dem Fest des Friedens und der Versöhnung ganz zu schweigen.

Worum es uns geht: Diese Überschrift hat Aufforderungs-
charakter, sie ist ein Akt der geistigen Brandstiftung. Nach den Regeln der deutschen Grammatik erfüllt sie die Befehlsform. Und die Bewohner von Wagenburgen sind eine gefährdete Minderheit. Sie sind vielen verdächtig, denn bei ihnen wähnt man Schmutz, Arbeitsscheue und Kriminalität.

Wir fragen uns, welcher Teufel das Blatt geritten hat, in dieser Stadt der Brandstiftungen so fahrlässig mit Worten umzugehen. Wir kennen inzwischen doch die Täter. Es sind sehr einfach strukturierte Menschen. Trotzdem haben sie ein feines Gespür für Stimmungen, die sich gegen Minderheiten (welcher Art auch immer) richten. Sie sind aber nicht in der Lage, ihre Aggression zu steuern und setzen das in furchtbare Tat um, was andere nur denken oder verbal abreagieren. Daher darf es nicht sein, daß eine Lokalzeitung gewaltbereiten Neonazis, denen die Szene der "Wagenburgler" (wie die der Berber u.a.) ohnehin ein Dorn im Auge ist, auch noch die Parolen liefert.

Auch wenn die LN diese mörderische Schlagzeile nur aus "Unachtsamkeit" in die Welt setzten, wollen wir das nicht durchgehen lassen und zur Anzeige bringen. Vielleicht können wir diese Zeitung dadurch veranlassen, ihre Worte in Zukunft mit Bedacht zu wählen. Es gibt schon genug Haß auf dieser Welt.

V.i.S.d.P.: Antje Jansen

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