Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 20. Juli 2019

Ausgabe vom 13. Februar 2001

Ein Zentrum für Grass

2002 eröffnet das zweite Lübecker Literaturmuseum

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Vertragsschluß: Die Glockengießerstraße 21 wird zum Grass-Haus³; Foto: TBF/Erz

Die Hansestadt Lübeck und der Literaturnobelpreisträger Günter Grass haben einen Rahmenvertrag zur Einrichtung eines Günter-Grass-Hauses in Lübecks Altstadt geschlossen. Die Vertragsunterschrift leisteten Günter Grass, Bürgermeister Bernd Saxe (SPD) und Kultursenator Ulrich Meyenborg (SPD) am Sonntag, dem 11. Februar, im Roten Saal des historischen Lübecker Rathauses.

Der Vertrag sieht vor, daß die Hansestadt das Haus in der Glockengießerstraße 21 erwirbt. Dort hat der Schriftsteller 1995 nach seinem Umzug von Berlin seinen Wohnsitz genommen und sein Sekretariat eingerichtet. In der Diele und im Hofgebäude des Gebäudes soll ab 16. Oktober 2002, dem 75. Geburtstag von Grass, eine erste Ausstellung öffentlich zugänglich sein.

Mit Ausnahme der für die Akademie der Künste in Berlin bestimmten Teile erwirbt die Hansestadt zu diesem Zweck dort lagernde "Vorlaß"-Bestände des literarischen und bildkünstlerischen Werkes ihres derzeit prominentesten Bürgers.

Die Ausstellung wird auf rund 200 Quadratmetern die Verbindung von bildender Kunst und Literatur von den frühen 50er Jahren bis in die Gegenwart zeigen. Das Konzept geht dabei von Wechselausstellungen aus.

Lübecks Bürgermeister zeigte sich erfreut über das gemeinsame Projekt. "Nachdem Günter Grass 1995 seinen Lebensmittelpunkt in unsere Stadt verlegt hat, ist es uns Ehre und Verpflichtung zugleich, beizeiten dafür Sorge zu tragen, daß Lübeck auch über den Tod des Dichters hinaus zu einem Ort der ständigen Pflege seines künstlerischen Schaffens werden kann", sagte Saxe. Da die Günter Grass nicht gehörende Haushälfte in der Glockengießerstraße 21 zum sofortigen Verkauf ansteht, müßten bereits jetzt die entscheidenden Weichen gestellt werden.

Zum Konzept des Hauses

Durch die ständige Aktualisierung aus den Beständen des Günter-Grass-Hauses soll die Attraktivität des Hauses gesteigert werden. Es wird ein Raum für Lesungen, Tagungen und Veranstaltungen für bis zu 100 Personen eingerichtet werden.

Im Vorderhaus wird ein Laden eingerichtet, in dem Bücher und Kunstdrucke von Günter Grass angeboten werden. Auf diese Weise können über Einnahmen aus den Eintrittskarten und dem Verkauf im Laden die Betriebskosten durch Eigeneinnahmen gesenkt werden.

Die Hansestadt Lübeck muß als ersten Schritt zum Ankauf der Haushälfte, dem Erwerb des Vorlasses und für Umbau- und Erweiterungsmaßnahmen insgesamt rund 3,4 Millionen Mark vorfinanzieren. Sie hofft durch Sponsoren und Fördermittel die Belastung des städtischen Haushaltes so gering wie möglich halten zu können, sagte Kultursenator Ulrich Meyenborg.

Seit 1999 ist Lübeck die einzige deutsche Stadt mit zwei Literaturnobelpreisträgern. Das Angebot von Günter Grass stellt für die "Kulturstiftung Hansestadt Lübeck", die bereits das Buddenbrookhaus im Gedenken an die Brüder Thomas und Heinrich Mann unterhält, eine weltweit einmalige Chance dar, Forschungs- und Gedenkstätten für zwei deutsche Literaturnobelpreisträger des 20. Jahrhunderts zu betreiben.

Die Verknüpfung ist äußerst sinnvoll: Thomas Mann steht, gemeinsam mit Heinrich und seiner Familie, repräsentativ für die Literatur der ersten Hälfte des Jahrhunderts, mit Rückgriffsmöglichkeiten in das 19. Jahrhundert. Günter Grass steht exemplarisch für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und öffnet uns den Weg in das 21. Jahrhundert.

Durch das gemeinsame Dach der Kulturstiftung ist mit den beiden Nobelpreisträgern eine Bündelung der literarischen Aktivitäten möglich, die im kulturtouristischen Bereich etwa in einer gemeinsamen Eintrittskarte für beide Häuser, sowie die Markierung eines "Literaturpfades", der die nur 800 Meter von einander entfernten Häuser verbindet, Ausdruck finden kann.

Günter Grass äußerte sich im Rathaus erfreut über den Vertragsabschluß. "Es ist mir ein Vergnügen, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen, noch zu Lebzeiten mitzubestimmen, was aus meinen Dingen wird", sagte er. Er freue sich auf das, was jetzt in diesem "schönen Haus in dieser schönen Straße" beginnen werde.

Grass mahnte die Hansestadt indes, auch ihrem großen Sohn Willy Brandt mehr Aufmerksamkeit zu schenken und ihm eine Forschungsstätte zu widmen.

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