Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 18. Juli 2019

Ausgabe vom 13. Februar 2001

"Es geht nur miteinander"

Die CDU-Landtagsabgeordnete Jutta Scheicht über ihren Schritt in die Politik und von Lübeck nach Kiel

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Nach vorne marschieren, sich ablichten lassen, mit irgendwelchen Parolen herauskommen - das ist nicht mein Sache³ Jutta Scheicht, CDU-Landtagsabgeordnete; Foto: M. Rulfs

Der Wunsch der CDU-Landtagsabgeordneten Jutta Scheicht, etwas zu machen, politisch aktiv zu werden, ist im Blumenladen an der Ratzeburger Allee entstanden. 15 Jahre lang hat sie das Geschäft beim Standesamt geführt, und es war eine Art Zentrale für die Leute der Umgebung. Hier trafen sich auch ältere Leute aus der Nachbarschaft, erschöpft vom Weg, konnten sich auf einem Stuhl ausruhen und das loswerden, was sie bedrückte - sei es der Dreck auf der Straße oder der fehlende Überweg. "Es kam zu richtigen Gesprächsrunden, wenn sie erzählten; aber mir fiel auf, es schimpften immer alle und machten nichts," erinnert sich Scheicht. Es war die Zeit der Unterschriften, und so begann auch die Floristin, Forderungen zu formulieren und Unterschriften zu sammeln.

Als sie 1990, nach dem Tod von Bruder und Vater, ins Familien-Fuhrgeschäft einstieg, um es zusammen mit ihrem Mann weiterzuführen, vermißte sie den gewohnten Kontakt zu den Leuten. Im Büro an der Schreibmaschine fühlte sie sich von der Welt abgeschlossen. Sie suchte und fand eine neue Gesprächsrunde: den CDU-Ortsverband Mühlentor, von dem ihr der politsch aktive Nachbar erzählt hatte. Aber auch in dieser Runde hatte sie nach einiger Zeit das Gefühl, es könnte mehr passieren, man müsse mehr tun. Warum nicht sie selbst? 1995 übernahm sie den Vorsitz. Drei Jahre später kandidierte sie für die Bürgerschaft, setzte sich gegen die Mitkandidaten aus der eigenen Partei durch und gewann ihren Wahlkreis vor der Rentnerin Ilse Schumacher aus der SPD. "Ich habe immer kämpfen müssen, habe mich gegen andere mit Argumenten durchgesetzt", sagt Scheicht lächelnd - sie hat erfahren, daß sie mit guten Argumenten und mit ihrer leisen Arbeit im Hintergrund erfolgreich sein kann. "Nach vorne marschieren, sich ablichten lassen, mit irgendwelchen Parolen herauskommen - das ist nicht meine Sache."

Nach zwei Jahren in der Lübecker Bürgerschaft stellte sich die Frage einer Kandidatur für den Landtag. Von der CDU in einem fremden Wahlkreis, St. Lorenz-Nord, aufgestellt, hatte sie keine Chancen gegen den SPD-Kandidaten. Auch der 33. Platz auf der Landesliste versprach nicht viel. Ihr Mann Lothar Scheicht, mit dem sie seit 27 Jahren verheiratet ist, ermunterte sie. "Aber er hat nicht damit gerechnet, daß das was werden könnte." Auch für sie selbst war das Ergebnis überraschend - und aufregend. Sie rückte bei der Landtagswahl im März 2000 über die Liste in den Landtag ein, und pendelt seitdem zwischen Lübeck und Kiel.

Nach 15 Jahren Blumenladen in Lübeck und zehn Jahren Büroarbeit im Fuhr- und Abbruch-unternehmen, hat für sie "ein ganz neuer Lebensabschnitt" begonnen. Ihr 26jähriger Sohn André, ein gelernter Koch, steht auf eigenen Beinen, und ihr Mann muß im Betrieb ohne sie zurechtkommen. Das Unternehmen ist etwas verkleinert worden, der Computer hat die Büroarbeit auf einen Bruchteil des vorher Üblichen reduziert, Funk und Handy machen manche Fahrt zur Baustelle überflüssig. Und, nicht unwichtig, den Haushalt kriegen sie gemeinsam hin, unterstützt von ihrer Mutter, die sich auch um die Wäsche kümmert.

In der Umweltpolitik muß man flexibel sein und
kann viel erreichen

Waren in Lübeck Wirtschafts- und Umweltpolitik Jutta Scheichts Spezialgebiete - schon vor ihrer Zeit in der Bürgerschaft gehörte sie acht Jahre lang dem Wirtschaftsausschuß an -, hat sie sich in Kiel auf die Umweltpolitik konzentriert, einen Bereich, der für sie eng mit der Wirtschaft zusammenhängt. "Die Arbeit im Umweltbereich ist nicht festgefahren in irgendeiner Richtung. Ständig muß man sich neu entscheiden, muß flexibel sein, sich auf etwas Neues einstellen. Und man kann wirklich etwas zustande bringen", sagt sie.

Kritisch verfolgt sie zum Beispiel den Fall Pfleiderer und die Diskussion um das Arsen im Lübecker Trinkwasser. Wichtig sei, die mögliche Gefährdung nicht herunterzuspielen. Erst wenn man alles untersucht habe, wenn man wirklich wisse, wo die Quellen liegen, könne man sich in seinen Aussagen festlegen. Bis dahin müsse man vorsichtig sein. "Auch ein Minister kann nicht alles wissen", kritisiert sie die ihrer Ansicht nach vorschnelle Stellungnahme des schleswig-holsteinischen Umweltministers, das Arsen stelle keine Gefahr dar.

Zum Thema genmanipulierte Rapssaat hat sie im Landtag ihre Jungfern-Rede gehalten. Die Bundesregierung hat gerade ein zugesagtes Forschungsprogramm zur grünen Gentechnik gestoppt. Scheicht plädiert dafür, dieses Programm wieder aufzunehmen. Gerade auf dem Gebiet der Bio- und Gentechnologie sei es wichtig, die Forschung zu fördern, die Risiken und Chancen dieser Techniken aufzuzeigen und für mehr Transparenz, Information und Akzeptanz bei den Bürgern zu sorgen.

Neben dem Umweltausschuß ist Scheicht Mitglied im Peti-
tionsausschuß. Als "Anwalt gegen Ungerechtigkeit, Benachteiligungen und ungleiche Behandlung durch staatliche Stellen" kümmert sich dieser Ausschuß um vielerlei Beschwerden, vom Baurecht über persönliche Schicksale bis hin zu Klagen von Gefängnisinsassen. Jutta Scheicht ist zuständig für den gesamten Bereich Lübeck, bearbeitet alle eingehenden Petitionen und leitet sie an die entsprechenden Stellen weiter. Weil sie viele Eingaben aus dem Gefängnis bekam, hat sie ein Gespräch mit den Sprechern der Gefängnisinsassen und dem Personalrat geführt und dort auch angeboten, daß man sie einfach direkt anrufen könne. "Dieses wird auch gerne wahrgenommen und hat zu einer deutlichen Reduktion von Eingaben geführt." Eigentlich müsse es eine zusätzliche Stelle geben, meint sie, an die sich die Gefangenen wenden könnten, um Probleme zu äußern, "ihr Herz auszuschütten".

Vermittelnd tätig ist sie auch beim heiß umkämpften Thema Kampfhunde. Sie versucht Tierschützer, Hundebesitzer und Hundezüchter zu unterstützen, ihre Interessen auf Landesebene effektiv zu vertreten und dabei trotzdem die Bedenken der Kampfhundegegner ernstzunehmen. "Ich denke immer, in der Sache muß man es schaffen, zueinander finden."

Um zu wissen, was in Lübeck gedacht und gewollt wird, besucht sie Treffen der Kommunalpolitischen Vereinigung, die St. Jürgen-Runde, Sitzungen von Ortsverband oder Partei, vor allem aber nimmt sie an vielen öffentlichen Veranstaltungen teil und redet mit möglichst vielen Beteiligten und lokalen Experten. Ruhige sachliche Diskussionen, in denen alle Argumente abgewogen werden, schätzt sie besonders. Sie trifft sich zum Beispiel mit den Bauern im Süden von Lübeck, redet mit ihnen über Ausgleichsflächen wegen des Baus der Autobahn und des Hochschulstadtteils oder über Fragen im Zusammenhang mit der BSE-Krise. "Es ist ganz wichtig, Solidarität zu zeigen und Menschen und ihre Probleme ernstzunehmen," sagt sie.

Politiker sollen ehrlich
zu dem stehen, was sie
für richtig halten

Sie registriert mit Interesse, welche Bürgerschaftsmitglieder sich bei öffentlichen Veranstaltungen zeigen, den Bürgerinnen und Bürgern zuhören und ihnen Rede und Antwort stehen. Es macht sie unzufrieden, wenn dieses Engagement nicht gewürdigt wird, wenn sie auf Veranstaltungen hört, die Politiker säßen nur rum, um dann doch in der Bürgerschaft so miteinander zu kungeln, wie es ihnen paßt. Solche Urteile findet sie unfair. Andererseits hält sie es selbst für wichtig, den Bürgerinnen und Bürgern auf Veranstaltungen ehrlich gegenüberzutreten. Wenn alle gegen den Flughafen seien oder gegen den Hochschulstadtteil, dürfe man als Politikerin nicht so tun, als teile man diese Meinung. "Da muß man dann zu dem stehen, was man für richtig hält."

In die Landtagsarbeit in Kiel sei sie schneller hineingewachsen, als erwartet. "Erst ein Jahr? Es kommt mir viel länger vor." Überrascht habe sie die entspannte Atmosphäre im Landeshaus. Persönliche Beziehungen entwickelten sich schnell, alle seien sehr hilfsbereit und man sei schnell miteinander per "Du". Sie nimmt sich die Freiheit, nach Sitzungen mit ins Lokal zu gehen. "Hinterher, nach einer Sitzung, kann man ganz anders miteinander sprechen. Manchmal ist es ganz gut, wenn man noch bleibt und die Sicht der anderen mitbekommt."

Malen ist eines der Hobbies von Jutta Scheicht. Sie malt Bilder in Schwarz-Weiß, in die sie farbige Figuren stellt, bearbeitet szenisch gesellschaftliche Themen, die sie am Rande ihrer politischen Arbeit beschäftigen. "Frauenpower" ist eins dieser Themen. Als Frau in einem Männerbetrieb war sie den rauhen Ton gewohnt - und auch, sich durchzusetzen. Trotzdem imponierte es ihr in der Bürgerschaft, wie zum Beispiel die Frauenbeauftragten es schafften, die allgemeine Wahrnehmung auf Frauenbelange zu richten. Frauen leisteten sehr viel und hätten es trotzdem schwer, in der Männerwelt anerkannt zu werden. Sie findet, Frauen sollten solidarischer miteinander sein, sich gegenseitig stärken. In Kiel arbeitet sie mit in einem Arbeitskreis Gleichstellung und Frauen innerhalb der CDU-Fraktion.

Nach einem Jahr als Landtagsabgeordnete wünscht Jutta Scheicht sich eine intensivere Zusammenarbeit und partei-übergreifende Gespräche von Lübecker Bürgerschaftsmitgliedern, Landtagsabgeordneten und dem Bürgermeister der Hansestadt. Man müsse zum Beispiel genauer abstimmen, welche großen Projekte Lübeck aus dem Regionalprogramm wolle, welche bezahlbar seien und wie man am besten vorgehe, um sie durchzusetzen. Nur alle zusammen könnten die Interessen Lübecks optimal vertreten.

Zur Person

Die Landtagsabgeordnete und Kauffrau Jutta Scheicht wurde am 27. August 1953 in Lübeck geboren. Als gelernte Floristin führte sie Blumenläden in Heiligenhafen und Lübeck. Von 1990 bis 2000 arbeitete sie im Familienunternehmen, einem auf Abbruchtechnik und Asbestsanierung spezialisierten Fuhr- und Abbruchbetrieb.

Seit 1995 ist sie Vorsitzende des CDU-Ortsverbandes Mühlentor und Vorstandsmitglied der Kommunalpolitischen Vereinigung. Außerdem ist sie Mitglied im deutschen Familienverband.

Bei der Bürgerschaftswahl am 22. März 1998 setzte sie sich in ihrem Wahlkreis Mühlentor gegen die SPD-Kandidatin Ilse Schumacher durch. Sie war von 1998 bis 2000 eines von 22 Mitgliedern der CDU-Fraktion in der Lübecker Bürgerschaft und arbeitete in den Ausschüssen für Wirtschaft, Umwelt und Rechnungsprüfung mit.

Am 27. Februar 2000 wurde sie über den 33. Listenplatz in den schleswig-holsteinischen Landtag gewählt. Wie in der Bürgerschaft liegen ihre landespolitischen Schwerpunkte auf der Wirtschafts- und Umweltpolitik; sie arbeitet im Umweltausschuß und im Petitionsauschuß mit.

Jutta Scheicht wohnt im Stadtteil St. Jürgen in der Kronsforder Allee. Sie ist seit
27 Jahren verheiratet und hat einen 26jährigen Sohn.

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