Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. Juli 2019

Ausgabe vom 13. Februar 2001

GeistReich

Die Marktlücke

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von Jonas Geist

Auf dem ganz verweltlichten großen Gabentisch lag diesmal als Eigenwunsch als großer Bruder ein Wälzer, der sich "Hamburg Lexikon" schimpft und dem als kleiner Bruder - wie Große Petersgrube und Kleine Petersgrube - das "Kleine Lexikon Lübeck" zuzuordnen ist, gestaltet nach dem Vorbild des Branchenbuchs von "Aalräucherei bis Zylinderstifte", also alphabetisch. Ob es auch schon ein "Bremen-Lexikon" gibt, weiß ich nicht.

Jedenfalls: großer Bruder Hamburg und kleiner Bruder Lübeck entspringen beide einem Verlag aus Hamburg. Bringt es der große Bruder auf 671 Seiten, nimmt also die reale Gestalt eines Lexikons an, so hat der Bedeutungsmaßstab, den man von den Altären her kennt, dem kleinen Bruder ganze 136 Seiten zugestanden.

Das stimmt melancholisch, denn wer mehr Geschichte hat und wer mehr produziert, ist ganz offen - oder sagen wir besser: war ganz offen. Über die Vielgestaltigkeit Hamburgs sind wir jetzt also bestens informiert; die Lübecks ist realitätsentsprechend etwas zu sehr eingedickt worden. Ich habe als naheliegenden Test mal Alfred Mahlau aufgesucht: In Hamburg kommt er vor als Lehrer an der Landeskunstschule, in Lübeck, wo er seine Vielseitigkeit entfaltete, fehlt er.

Merkwürdig: Ich hatte schon einmal mit einer Dame, die ich in der Ostsee-Akademie kennengelernt hatte, einen Plan entworfen, ein Lübeck-Lexikon zu entwickeln, denn das fehlte in meiner Sammlung von Stadtlexika noch. Es sollte gerade umgekehrt verfahren - so unsere in Gesprächen verfestigte Absicht - und all die Kuriosa, die Eigenarten, das Unbedeutende zum Gegenstand des Interesses zu machen, um sich so dem Eigentlichen zu nähern, von dem sich die Stadt nährt und dem ich mich als Schreibender verpflichtet fühle.

Aber so etwas übersteigt schnell den Plan für das eigene Leben. Denn was James Joyce für einen Tag versucht hat, in dem er die ganze Antike aufspürt, gilt als Methode. Man kann sich so etwas für einen Bautyp, für eine Familie, wie es Thomas Mann geschafft hat, oder für ein Haus vorstellen - aber für eine ganze Stadt und das mit der unendlichen Zahl von Augenblicken, übersteigt die Kapazität des Gehirns; dieses filmt zwar das eigene Leben komplett, was jeder weiß, der Tagebuch schreibt, aber eben nicht das des anderen und schon gar nicht von denen, die zur letzten Ruhe gebettet sind.

So großartige Versuche gibt es, anderer Leben zu rekonstruieren, wie das andere Buch zeigt, daß ich mir gewünscht hatte, über Kurt Weill, in dem alle Lebenszeugnisse in der Lebenszeitachse zusammenmontiert sind zu einem Lebenslexikon - ein verführerisches Vorbild.

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