Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 14. Dezember 2017

Ausgabe vom 03. April 2001

"Grande Dame" und echter Kumpel

Charlotte Harnack ist ältestes und längstes Mitglied der Bürgerschaft und Stellvertretende Stadtpräsidentin

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"Ich mag ehrliche Leute, nicht diese großen Rappler, die viel versprechen, aber nichts regeln." Charlotte Harnack, 2. Stellvertretende Stadtpräsidentin

Wenn Charlotte Harnack darüber nachdenkt, welche Plätze in Lübeck sie besonders mag, fällt ihr zuerst das Rathaus ein. "Mein Rathaus" sagt sie. Ihre Geschichte erklärt, warum dieser Ort und ihre Partei, die SPD, so wichtig für ihr Leben sind. Seit 31 Jahren ist sie Bürgerschaftsmitglied, und vier Jahre lang war sie SPD-Fraktionsgeschäftsführerin - mit Arbeitsplatz im Rathaus. Vor allem aber gewann sie durch ihre Arbeit in der SPD das wieder, was ihr die Nazis als Tochter einer jüdischen Mutter genommen hatten: ihr Selbstbewußtsein. "Ich hatte immer gehört, die Juden sind nichts wert. Und erst nach dem Krieg, durch meine Parteiarbeit, habe ich wieder Selbstbewußtsein gekriegt."

Die Nazizeit hat sie als furchtbar in Erinnerung: "Wir haben immer Angst gehabt, jeden Tag Angst, da kommt jetzt jemand und holt uns ab." Daß es auch fast dazu gekommen wäre, erfuhr Charlotte Harnack erst vor zwei Jahren auf einer Reise nach Israel. Am Mahnmal Yad Vashem las die Pastorin Ingrid Homann, die mit Stadtpräsident Peter Oertling die Reise leitete, eine Liste von Namen jüdischer Lübecker Kinder vor, die im Jahr 1941 zur Deportation bestimmt waren. "Ich stehe neben ihr und schau ihr über die Schulter und da lese ich meinen Namen, Charlotte Heinemann. Ich sage: `Den Namen lesen Sie mal nicht vor, das bin ich. Ich lebe noch!'"

Als junge Frau wußte sie nichts von der geplanten Deportation, auch nichts von Konzentrationslagern. "Wenn Freunde abgeholt wurden, dachten wir, die kommen ins Arbeitslager. Ich habe lange nicht gewußt, daß es KZs gab." Erst gegen Ende des Krieges erfuhr sie von einer Frau aus Ostpreußen, wohin die Juden, darunter ihre Freundinnen, gekommen waren.

Die Nachbarn wollten kein Zimmer abgeben: "Mit
Juden leben wir nicht."

Von ihrer Mutter, die 1928 starb, erinnert Harnack wenig; hauptsächlich, daß sie immer krank war. Der für sie wichtigste Mensch war die Großmutter. "Ich habe sehr an ihr gehangen. Sie hatte nie lesen gelernt, in Ungarn gab es damals keine Schulpflicht, aber sie konnte alles. Meinem Großvater hat sie immer gesagt, was er machen sollte. Und sie zählte immer auf ungarisch." Die Ehe mit dem nicht-jüdischen Mann schützte die Großmutter vor dem Tod, wenn auch nicht vor dem Leid, das den Juden in Lübeck angetan wurde. "Einmal ist sie Milch holen gegangen, da sagten die Leute zu ihr, `Schämen Sie sich nicht?' Von da an ist sie nicht mehr rausgegangen." In der Krausestraße ausgebombt, suchte die Familie eine neue Unterkunft. Die Nachbarn wollten kein Zimmer abgeben, sagten: "Mit Juden leben wir nicht." Als die Nazis verlangten, daß der Großvater sich von seiner jüdischen Frau scheiden lasse, weigerte er sich. Er verteidigte auch das Radio, das man seiner Frau wegnehmen wollte: Es sei seins.

Charlotte wurde mit 14 Jahren getauft, "meine Großmutter dachte, sie könnte mich vor was bewahren - es hat aber nicht viel genützt." Sie mußte zwar keinen gelben Stern tragen und bekam, im Gegensatz zur Großmutter, auch eine Lebensmittelkarte, aber alle ihre Arbeitsverhältnisse wurden schnell gekündigt, weil sie Jüdin war, wie das bei den Lübecker Nachrichten, oder kamen aus diesem Grund gar nicht erst zustande, wie bei den Dräger-Werken. In schrecklicher Erinnerung hat sie den Arbeitsdienst: zwei Jahre auf dem Bauernhof Kartoffeln sortieren und Kühe reinbringen. "Und ich hatte solche Angst vor den Kühen!" Noch schlimmer war das Flicken von nassen Zuckersäcken bei der Sack- und Planfabrik Pätow auf der Wallhalbinsel. "Die haben uns schlecht behandelt." Sie hat heute das Gefühl, viel von der Zeit vergessen zu haben. "Ich glaube, ich habe es alles verdrängt."

Manchmal tauchen Bilder aus der Kindheit auf, an die sie gerne denkt: An das Radio, für das jede Woche ein neuer Akku geholt werden mußte, denn sie mochte Musik und sang sehr schön, nahm sogar Gesangstunden; das warme Licht der Petroleum-Lampen mit ihren hübschen grünen Perlen; der von kräftigen Pferden gezogene Brauereiwagen, der Braunbier brachte, das mit Zucker gesüßt gerunken wurde; der Hufschmied an der Ecke, wo immer Zigeuner waren, von denen sich die kleine Charlotte magisch anzogen fühlte.

An Selbstbewußtsein mangelt es der heute 79jährigen nicht mehr. Sie spricht offen aus, was sie denkt. In der Bürgerschaft glänzt sie durch freche Zwischenrufe, schlagfertig reagiert sie auf alles, was ihr nicht paßt. "Ich habe so eine Art Narrenfreiheit, bei mir sagt keiner etwas", ist sie sich ihrer Rolle bewußt. Lange Reden anderer Bürgerschaftsmitglieder unterbricht sie gern: "Diese großen Rappler, die kann ich nicht ertragen! Die reden und reden und gucken dann immer hoch zu den Tribünen, ob sie auch jeder hört." Bei einer langen Tirade Antje Jansens gegen die Messehalle rief sie zum Beispiel: "Nun mach' das nicht alles zunichte hier!"

Sie duzt ohne Scheu, zumal sie schon in der Bürgerschaft saß, als die jüngsten Bürgerschaftsmitglieder noch nicht oder gerade geboren waren. Und sie ist stolz, ältestes Bürgerschaftsmitglied und am längsten dabei zu sein: seit 1970. "Mich überholt keiner mehr!"

Zu jeder Schandtat bereit, will sie dennoch mit ihrer direkten Art nicht verletzen und keine Geheimnisse verraten. "Das schreiben Sie bloß nicht", heißt es oft im Gespräch. Obwohl es gerade interessant ist: Geschichten über Streitereien in der hohen Politik, ihre unverblümten Meinungen über Senatorinnen und Politiker aller Parteien, ihre Erfahrungen und nachdenklichen Urteile.

Neben der Großmutter nennt sie Willy Brandt als ihr Vorbild. Sie hat ihn selbst kennengelernt und mochte seine damalige Frau Ruth besonders gern - nicht jedoch seine spätere Frau. Günther Grass, der Rabbiner Felix Carlebach, Rosemarie und Michael Bouteiller, Björn Enholm, Gisela Börk, Gabriele Schröder - die Liste derer, die sie schätzt und bewundert, ist lang. Viele alte SPD-Genossen, viele Frauen aus der Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (ASF), sind ihr lieb geworden. "Mit all diesen Leuten bin ich schon lang befreundet, das ist sehr schön."

Charlotte Harnack wird auch die "Grande Dame" der SPD genannt, die immer schick gekleidet und gut frisiert ist, eleganten Schmuck trägt, sich rote Lippen malt und flott daher kommt. Aber sie ist auch der gute Kumpel, freundlich, herzlich und sehr humorvoll. Sie kann über die eigenen Mißgeschicke lachen und nimmt es nicht übel, wenn andere das tun. Und sie machte mit Begeisterung und großem schauspielerischen Talent mit bei drei Kabarettstücken, die Rosemarie Bouteiller auf die Beine stellte. Diese ist überzeugt: "Wenn ich sagen würde, laß uns wieder Kabarett machen - ich bin sicher, Charlotte wäre sofort wieder dabei!"

Im Jahr 1952 heiratet sie den Werkmeister Willy Harnack. Die Ehe hielt 24 Jahre. Ein klarer Abschnitt in ihrem Leben ist das Jahr 1958. Die Großmutter starb, sie beendete ihre Arbeit bei der

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