Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 11. Dezember 2018

Ausgabe vom 15. Mai 2001

"Theater ist wie das Leben"

Gabriele Gysi, Gastregisseurin am Theater Lübeck, über sich, das Theater und die Politik

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Statt genauere Maßstäbe zu entwickeln, berufen sich immer mehr Kritiker auf ihr subjektives Empfinden³ Gabriele Gysi, Theaterregisseurin

Wenn Gabriele Gysi sagt, ihr gefalle Lübeck, dann wirkt das überzeugend. "Ich habe oft gehört, Lübeck sei provinziell. Das finde ich nicht. Es hat etwas Trotziges, Unangepaßtes. Es hat der allgemeinen Gleichgültigkeit etwas entgegenzusetzen." Provinziell hingegen findet sie den Glauben an die Globalisierung, die Einheitskultur, in der "alles niedergesäbelt wird, was rechts und links steht." In Lübeck seien die Leute nett und aufmerksam. "Und das Theater wird hier noch reflektiert als ein Ort, der zur Stadt dazugehört." Dabei denkt sie als Regisseurin vor allem an ein bestimmtes Theaterpublikum: "Ich bin eine Anhängerin des Bildungsbürgers! Ich möchte ihm ein Denkmal setzen!" Sätze, die man von der Tochter eines DDR-Kulturministers und von der Schwester eines PDS-Politikers nicht erwartet.

Sie habe festgestellt, daß in Lübeck viele Leute sehr interessiert die öffentlichen Theaterproben verfolgten. Als sie selbst noch Schauspielerin war und noch nicht Regie führte - eine im Vergleich zu anderen Regisseuren relativ lange Zeit - habe sie auch immer gerne bei Proben zugeguckt. "Ich habe mich gefragt, was da eigentlich passiert zwischen oben, der Bühne, und unten, dem Publikum." Die Diskrepanz zwischen dem, was man empfinde und spiele und dem, was sich den Zuschauern mitteile, finde sie spannend. Die Schauspieler müßten lernen, daß das eigene Empfinden nicht die ganze Wahrheit sei. Die Wirkung der eigenen Handlungen oder des eigenen Spiels ließe sich nicht voraussagen. Umgekehrt könne aber auch der Zuschauer nicht vollständig wahrnehmen, was sich auf der Bühne alles abspiele oder zwischen Bühne und Publikum. Gysi plädiert daher dafür, das eigene Gefühl bei der Beurteilung einer Situation - oder bei der Theaterkritik - in Frage zu stellen.

Sie sagt: "Die Kritik wird immer selbstverständlicher aus dem subjektiven Empfinden des Kritikers gespeist. Gleichzeitig wächst die Kraft der Medien, ihren Ausschnitt der Wirklichkeit als das eigentliche Leben zu verkaufen." Zum Beispiel sei an die Stelle der wirklichen Politik der politische Kommentar getreten, an die Stelle der vielfältigen Schilderung des Lebens durch Malerei, Theater oder Literatur der Blick durch die Kamera. Dieser würde als der "wirklich authentische Blick", als "die wirklichere Wirklichkeit" wahrgenommen. Sie wünscht sich jedoch, daß statt subjektiver Gefühle wieder genauere Maßstäbe für die Beurteilung von Theater, objektive Kriterien der Beschreibung, entwickelt würden. Daß nicht ein sozial hoch stehender Kritiker in 30 Zeilen schreibe, was er beim Betrachten eines Stückes empfinde - das Leben auf sein eigenes Bedürfnis verenge - und andere ihm dies im Pulk nachbeteten. Sondern daß ein Ereignis als das gewürdigt werde, was es ist.

Gabriele Gysi redet schnell, berlinert stark und entwickelt beim Nachdenken über die eigenen Erfahrungen ständig kleine Theorien. Sie vergewissert sich immer wieder, ob das Gegenüber ihren Ideen auch folgen kann oder will: "Stimmt doch, was ich sach, oder?" Sie will Bestätigung, aber auch Auseinandersetzung, freut sich über neue Gedanken. Und springt im Gespräch plötzlich auf und spielt eine Szene vor, um zu zeigen, daß die Art und Weise, wie sich jemand bewegt, eine Situation völlig neu interpretiert.

Ihr Gesicht wirkt stärker gezeichnet als das ihres zwei Jahre jüngeren Bruders Gregor. In den langen roten Haaren steckt eine Brille, die sie zum Lesen aufsetzt; sie ist schwarz gekleidet, trägt eine schlichte silberne Kette und ist nur wenig geschminkt. Von ihrer Arbeit erfüllt sagt sie: "Beim Theaterspielen sind Sie als Mensch gefragt. Es ist ein Beruf, in dem Sie sich mit dem Leben selbst beschäftigen müssen - dürfen! Und wer darf das schon? Die Arbeit ist ungeheuer vielfältig." Schon als Kind habe sie sich über jede Aufführung gefreut, und die Mutter habe die Geschwister häufig mit ins Theater genommen. Es war jedoch der Bruder, der eigentlich Schauspieler werden sollte - sie sollte Juristin werden. Die Geschwister tauschten die vorgesehenen Rollen: Sie ging auf die Schauspielschule, er studierte Jura.

Es sei nicht so einfach zu erklären, warum sie im Jahr 1985, mit 40 Jahren, die DDR verlassen habe. Zunächst müsse man verstehen, daß die Partei, die SED, in der DDR eine ähnliche Funktion gehabt habe wie im Westen etwa "die Wirtschaft": Wer etwas werden wollte, mußte dazugehören, und das hieß im Fall der DDR, mußte Parteimitglied sein. Obwohl sie zusammen mit allen anderen Künstlern - Schauspielern, Malern, Schriftstellern, Musikern - die Möglichkeit hatte, sich über ihre Kunst auszudrücken und durch ihre Kunst Kritik zu üben, sei irgendwann das Maß voll gewesen. Nach jahrelangen Auseinandersetzungen und Diskussionen, in denen sie immer wieder angeeckt sei, in denen "die sich immer wieder über mich geärgert haben" - zum Beispiel Diskussionen um die Ausweisung Wolf Biermanns, ein Thema, das alle DDR-Intellektuellen beschäftigt habe -, sei sie aus der Partei ausgeschlossen worden. Sie habe für sich das Fazit gezogen, die DDR zu verlassen. "Ich wollte Freiräume, ich wollte die Regierung in ihrer Verfügungsgewalt nicht länger anerkennen. Ich habe zum Beispiel gesagt, daß ich ein Parteiausschlußverfahren gegen
Erich Honecker beantragen wollte." Damit habe sie sich besonders unbeliebt gemacht.

Sie hat allerdings auch keine Lust, die DDR so zu schildern, daß dabei herauskommt, sie, Gabriele Gysi, sei ein guter Mensch. "Die Bedingungen waren sehr schwierig, aber sie haben auch vielen Menschen große Sicherheit geboten." In dem relativ gut gesicherten sozialen System der DDR habe man keine Existenzangst gehabt. Warum? "Auch dort hattest du immer eine Alternative, nämlich rüber zu gehen: Es war lediglich eine Frage der Pfiffigkeit."

Genau wie im Leben, so Gysi, werfe man auch im Theater einen bestimmten Blick auf ein Stück und dieser bestimme letztlich, wie man es inszeniere. Beim Lesen des "Kaufmann von Venedig" habe sie entdeckt, daß
Shakespeare vor allem die damalige Globalisierung, die Christianisierung, verarbeitet habe. Die Schiffahrt hatte große Bedeutung, Güter aus der neuen Welt wurden in großem Maßstab nach Europa gebracht. Und: "Die Versicherungen sind in dieser Zeit entstanden." Der Jude Shylock habe ja von Antonio, dem Kaufmann, dem er Geld geliehen hatte, keinen Zins verlangt - das wäre mehr Geld gewesen - sondern er habe sich für den Fall, daß der Kaufmann sich nicht an die Abmachung halte, mit der Forderung nach einem Stück von Antonios Fleisch quasi "versichert".

Wer sich ein Bild von Gysis Interpretation machen will, hat jetzt dazu Gelegenheit. "Der Kaufmann von Venedig", inszeniert nach einer neuen Übersetzung von Jan Demuth, wird im Mai und Juni am Theater Lübeck gezeigt. Die nächsten Aufführungen stehen am Sonnabend, 19. Mai und am Freitag, 25. Mai, jeweils um 20 Uhr, auf dem Spielplan.

Zur Person

Gabriele Gysi wurde am 13. Juli 1946 in Berlin geboren. Ihr Vater war Klaus Gysi, Minister für Kultur, Botschafter der DDR und Staatssekretär für Kirchenfragen. Ihr zwei Jahre jüngerer Bruder ist der Politiker und Rechtsanwalt Gregor Gysi.

Nach dem Abitur 1965 studierte sie von 1966 bis 1970 an der Schauspielschule Berlin. Von 1970 bis 1985 war sie an der Volksbühne Berlin als Schauspielerin unter der Leitung von Benno Besson engagiert, war Sprecherin bei verschiedenen Hörspielen und arbeitete als Filmschauspielerin in Märchenfilmen.

1975 bis 1980 studierte sie im Fernstudium Philosophie an der Humboldt-Universität.

1981/82 spielte sie unter der Regie von Frank Castorf am Theater in Anklam und führte 1982/83 dort auch zum ersten mal Regie in "Die Gewehre der Frau Carrar" von Bertolt Brecht.

1985 verließ sie die DDR und zog nach Bochum, wo sie am Schauspielhaus als Schauspielerin unter der Leitung von Claus Peymann arbeitete. 1989 begann sie wieder selbst zu inszenieren, zuerst den "Kuß der Spinnenfrau" von Manuel Puig im Theater am Südstern in Berlin. Es folgten zahlreiche Inszenierungen in verschiedenen deutschen Städten, zum Beispiel Moers, Oberhausen, Münster, Tübingen, Mainz, Rostock, Bonn, Köln, Aachen, Chemnitz, Karlsruhe und Berlin, darunter Georg Büchners "Woyzeck" (1992), Heiner Müllers "Quartett" (1994), Friedrich Schillers "Kabale und Liebe" (1996), Samuel Becketts "Warten auf Godot" (1997), Johann W. Goethes "Faust" (1998) und einige Shakespeare-Inszenierungen, zum Beispiel "Was ihr wollt" (1990), "Hamlet" (1995) und "Heinrich IV" (1999).

Von 1986 bis 1991 lebte sie in Berlin, heiratete dann den Graphiker Harald Michaelis und zog nach Köln. Neben ihrer Arbeit als Regisseurin stand sie selbst auf der Bühne oder vor der Kamera, leitete Szenenstudien und hielt Lehraufträge ab, zum Beispiel in Rostock, Köln, Bern und Leipzig; 1997 war sie kommissarische Schauspieldirektorin am Volkstheater in Rostock.

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