Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 17. Juni 2019

Ausgabe vom 11. September 2001

Viele kleine Wonneproppen

Jeder zehnte Erstkläßler zu dick - Grundlagenforschung beim Gesundheitsamt

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Eltern sollten auf eine gesunde Ernährung ihrer Kinder achten.; Foto: M. Langentepe

"Dicke ham'n Doppelkinn, Dicke schwitzen wie die Schweine ..." Geradezu fies und gemein fällt Marius Müller-Westernhagen in seinem bekannten Song über die "Dicken" her. Schlank sein ist der Trend schlechthin. Dennoch zeigt sich auch in Lübeck, daß viele Kinder übergewichtig oder gar adipös (fettleibig) sind. Bei der Eingangsunter- suchung der Erstkläßler wurde in diesem Jahr wieder festgestellt, daß fast jedes zehnte Kind zu viel Speck auf den Rippen hat.

Die Angaben darüber, wieviele Kinder von diesem "Wohlstandsleiden" betroffen sind, weichen dabei, je nach statistischer Grundlage der Erhebung, erheblich voneinander ab. So kommt eine Studie des Instituts für Ernährung und Lebensmittelkunde der Kieler Universität zu dem Schluß, daß jedes vierte Kind, das zur Schule kommt, zu dick sei. Ursachen seien vor allem falsche Ernährung und zu wenig Bewegung der Kleinen.

Dicke: hohe Kosten

Die Kieler Studie warnt: 40 Prozent der übergewichtigen Kinder und sogar 80 Prozent der übergewichtigen Jugendlichen werden später dicke Erwachsene. Von denen wiederum leiden viele an ernährungsbedingten "Wohlstandsleiden" wie erhöhten Cholesterinwerten, Herz- und Kreislauferkrankungen, Verdauungsstörungen, Bluthochdruck oder Gelenkerkrankungen.

Die Kosten, die aus Adipositas und deren Begleit- und Folgekrankheiten entstehen, sind enorm: In Deutschland werden die Kosten auf knapp 150 Milliarden Mark geschätzt. Das verwundert auch kaum: Das Bundesgesundheitsministerium spricht davon, daß "zur Zeit (Stand September 2000; d. Red.) über die Hälfte der Erwachsenen (Männer sogar zu 70 Prozent) in Deutschland übergewichtig ist. Als Maßstab gilt ein Body Mass Index (BMI) von 25 oder größer. Der Body Mass Index wird nach folgender Formel berechnet: Körpergewicht in kg dividiert durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat." Eine der Ursachen für Übergewicht sei mangelnde Bewegung und falsche Ernährung.

Allein schon der Folgekosten des ungezügelten Essens wegen fordern Mediziner und Ernäh- rungswissenschaftler, daß der Staat mehr in die Vorsorge investieren müsse. So wird Sven-David Müller vom Institut für Ernährungsmedizin und Diät-etik in Aachen in der Berliner Zeitung mit der Aussage zitiert:
"Es gibt einen dramatischen Niedergang der Eßkultur." Gegensteuern könnten und sollten nach Expertenmeinung die Schulen: Schulküchen und das Unterrichtsfach "Ernährungskunde" müßten wieder dazu beitragen, daß junge Menschen wieder kochen lernen. Zudem, so Ernährungsexperte Müller, sollte in den Schulen warmes Mittagessen angeboten werden, weil das für Kinder die wichtigste Mahlzeit überhaupt sei.

Warmes Mittagessen

Während es in den Kitas zumeist noch warmes Mittagessen gibt, sieht es in den Lübecker Grundschulen schlecht aus: Sieht man von den, den Grundschulen angegliederten, Horten einmal ab, dann gibt es keine Grundschule, die eine Mittagsmahlzeit anbietet, so der Bereich Schule und Sport auf Anfrage der SZ. Selbst an den 25 betreuten Grundschulen wird laut "Dachverband der betreuten Grundschulen" kein warmes Mittagessen offeriert.

Einen gewissen Lichtblick gibt es aber: Das Land Schleswig-Holstein werde noch in diesem Jahr den Schulträgern im Lande Förderangebote zur Verwirklichung von Ganztagsangeboten machen, sagte Friedrich Thorn, stellvertretender Leiter des Bereichs Schule und Sport. Man darf allerdings gespannt sein, ob sich der Vorstoß auch auf die Grundschulen bezieht. Wie die SZ aus gut informierten politischen Kreisen erfuhr, soll das nicht der Fall sein.

Frühstückstips

Wie Eltern trotz fehlenden (staatlichen) Angebots dazu beitragen können, daß ihre Kinder gut ernährt und mit ausreichend Energie und Nährstoffen versorgt werden, dazu macht die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DEG) sinnvolle Vorschläge. In ihren "Frühstücks-tips für Kinder" heißt es: Für hohe Konzentration und Leistungsfähigkeit benötigen "alle Kinder am Morgen ausreichend Energie. Das gelingt am besten mit einem vollwertigen Frühstück und einer Zwischenmahlzeit in der Schule."

Neben einer vollwertigen Ernährung ist, so die DEG, aber auch Bewegung und Sport "von großer Bedeutung für Fitneß, Wohlbefinden und Figur." Daß das selbstverständlich auch für Kinder gilt, läßt sich im Er- nährungsbericht der Bundesregierung 2000 nachlesen: "Auffallend ist die Korrelation des täglichen Fernsehkonsums zum Körpergewicht: übergewichtige Kinder verbringen täglich mehr als zwei Stunden, normalgewichtige Kinder rund 1,5 Stunden vor dem Fernseher. Die Frage nach der Kausalität bleibt offen: entweder sehen dicke Kinder lieber fern, weil sie dick sind und deshalb keinen Spaß an Bewegung haben, oder sie sind dick, weil sie sehr viel fernsehen."

Gesundheitsbericht

Wie es um die Gesundheit der Lübecker Kinder bestellt ist, darüber informieren Dr. Hartmut Stöven und Kollegen vom Lübecker Gesundheitsamt am kommenden Freitag eine große Fachöffentlichkeit: Sie stellen bei der von rund 3500 Experten besuchten 97. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kinderheilkunde und Jugendmedizin in Freiburg den Lübecker Gesundheitsbericht vor.

Das Lübecker Gesundheits-amt genießt in Fachkreisen übrigens höchste Anerkennung: Ist es doch eines der wenigen

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