Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 17. Juni 2019

Ausgabe vom 11. September 2001

Morgens um 8 Uhr in Lübeck

Schlaglöcher, Gullydeckel, Rüttelpisten:Eindrücke auf dem Weg zur Arbeit

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Lübeck verfügt ber ein gut ausgebautes Radwegenetz mit rund 190 Kilometern (straßenbegleitend).; Foto: M. Langentepe

Start. Es ist schon kurz nach 8 Uhr. Die Tochter ist wieder mal zu spät im Kindergarten. Auch die fast schon obligatorische Notlösung, sie verbotenerweise auf der Fahrradstange mitzunehmen, hat kaum Zeit gut gemacht. Jetzt heißt es in die Pedalen treten. Das Pflaster läßt den Lenker etwas schlackern, doch gleich wird die Fahrbahn wieder glatt und es geht leicht bergab Richtung Hauptstraße. Ein kurzer Blick nach links - warum blinkt der Depp nicht, wenn er abbiegen will? - und dann mit knapp 40 km/h raus auf die Fahrspur. Der Lkw ist weit genug weg, das reicht locker. Nun bloß keinen Fehler machen! An der asphaltierten Stelle, die Rad- und Fußweg mit der Straße verbindet, bleibt nach Regenfällen immer viel Sand liegen. Eine falsche Lenkbewegung und ein Sturz ist unausweichlich.

Heftige Schläge ins Kreuz

Geschafft. Doch die Begrüßung der Hansestadt Lübeck ist unfreundlich: Die Wurzeln der Pappel links haben den Asphalt zu vier fiesen Querrillen hochgedrückt. Auch die zusätzliche Sattelfederung hilft wenig: Egal ob man schnell oder langsam fährt - drei heftige Schläge ins Kreuz gibt's immer. Die sind so stark, daß nur äußerst kräftiges Zupacken mit beiden Händen verhindert, den Lenker zu verreißen und zu stürzen. Danach geht's einigermaßen glatt weiter. Nach 1,46 Kilometern ist der geteilte Rad- und Fußweg ein Flickenteppich. Aufbrüche und zahlreiche reparierte Stellen, Zeugnisse früherer Kabel- oder Rohrverlegungen, machen das Fahren nicht gerade zum Ver-gnügen. Solange es trocken ist, stört das wenig. Schlimm wird es bei Regen. Die unebene Oberfläche führt zu zahlreichen Stellen, an denen das Wasser nicht abläuft. Oft ist die gesamte Breite des Radweges überschwemmt, nasse Socken die zwangsläufige Folge.

Kilometer 1,83: Warum nur schaffen es die Bauarbeiter nicht, Gullydeckel so bündig zu verlegen, daß sie nicht wie riesige runde Hindernisse in die Fahrbahn ragen? 500 Meter weiter zeigt sich, daß sie doch ihr Handwerk verstehen. Der Bordstein ist zumindest auf der linken Hälfte des Radweges so weit abgesenkt, daß die Felge beim Überqueren keinen Schlag kriegt.

Hilfe! Die Maguras zeigen, was in ihnen steckt. Schon wieder dieser Typ in der langweiligen mausgrauen Limousine. Wann lernt der es endlich? Jeden morgen brettert der wie ein Irrer bis zur Einmündung an der Hauptstraße. Dabei ist die schmale Straße, wie alle anderen, die rechtwinklig auf die Hauptstraße münden, auf Tempo 30 geschwindigkeitsreduziert. Diese Stellen sind ohnehin gefährlich: Auch wenn Fußweg und der vollgekotete Grünstreifen eine Pufferzone bilden, sind viele der untergeordneten Straßen für Radfahrer schlecht einzusehen. Hecken verhindern den Blick auf die Autos, deren Fahrer sich eben nicht an Tempo 30 halten.

Pkw auf Radwegen

Die nächste Überraschung läßt auch an diesem Morgen nicht lange auf sich warten: Ja, der Verkehr staut sich auf dieser wichtigen Einfallstraße in Richtung Stadt. Doch müssen einige ganz Schlaue deshalb den Radweg nutzen, um dem Stau zu entgehen? "Life can be so simple" steht über der hübschen Halbnackten auf dem Plakat an der Bushaltestelle, die für eine neue Zigarettensorte wirbt. Eine Antwort ist das nicht...

"Plong", Treffer! Der Helm verhindert Schlimmeres. Den Ast haben die Jungs von der Gartenbaufirma wohl vergessen. Dabei haben sie doch während der vergangenen Tage die Bäume so kräftig beschnitten, daß man glaubte, sie würden aus den Birken und Kastanien regelrechte Palmen machen wollen. Egal, die Ampel springt gleich auf Rot, also kräftig in die Pedalen treten, um schnell zur nächsten Straße zu kommen.

Der schlimmste Teil des We-ges beginnt. Eine Schlaglochpiste pur. Asphaltaufbrüche, unebenes Pflaster, Sandflächen, tiefe Kuhlen. Mit einem Radweg hat das hier nur noch wenig gemein. Jetzt noch schnell die Autos umkurven, die den Radweg blockieren. Doch die Fahrer können oft nicht anders. Der Verkehr auf dieser Einfallstraße ist so dicht, daß sie Schwierigkeiten haben, sich in den stockenden Verkehr einzufädeln. Doch die Stimmung hellt sich gleich wieder auf. Der Nachbar, zur gleichen Zeit mit seinem Wagen in Richtung Stadt aufgebrochen - ohne Zwischenstopp bei der Kita - ist nach knapp fünf Kilometern wieder eingeholt. Bis der seinen Wagen geparkt hat, sitze ich längst am Schreibtisch.

So weit ist es noch nicht. Zunächst noch Lübecks wohl schlechteste Straße - wenn das ihr Namensgeber, ein Reformator, gewußt hätte... - überqueren und weiter geradeaus. Seit wann sind Limousinen mit dem Stern eigentlich länger als andere Familienkutschen? Schräg Parken heißt doch nicht, die Motorhaube in den Radweg ragen zu lassen. Doch gleich wird's wieder besser. Rüber über die Brücke. Der Blick auf die Wakenitz entschädigt für so manches. Jetzt nur nicht zu schnell werden. Die nächste Straße ist wieder einmal kaum einzusehen. Abbiegende Autos, der Fußgänger-überweg und die Garagen der hübschen Altbauten, aus denen die Autofahrer nur rückwärts ausparken können, sind potentielle weitere Gefahrenquellen.

Was läuft im "Hoffnung"? Von hier an ist es nur noch ein Katzensprung bis ins Rathaus. Die leicht ansteigende Straße ist längst keine Herausforderung mehr, lediglich die sich begegnenden Busse verhindern noch ein zügiges Weiterfahren. Kilometer 7,60: Ich grüße den elegant gekleideten Herrn und dessen Lebensgefährtin an der schweren dunklen Eichentür. Ich bin am Ziel.

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