Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 24. Mai 2019

Ausgabe vom 25. September 2001

Gesichter auf Krügen und Kannen

Faszination Mittelalter: Funde fürs Museum - Serie: Teil 5

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Selten und schön: Gesichtskeramik aus der Lübecker Altstadt; Foto: Bereich Archäologie

Von allen Überresten vergangener Kulturen ist Keramik, abgesehen von Stein, das haltbarste Material. So ist es nicht ver- wunderlich, daß unter den Gegenständen, die der Archäologe im Boden findet, Keramik zahlenmäßig alle anderen Fundgattungen übertrifft.

Es gibt Scherben von Töpfen, Krügen, Kannen, Pfannen und vielen weiteren Gefäßformen. Für das Mittelalter überwiegt dabei die sogenannte Harte Grauware. Sie ist grau, schwarz, zum Teil braun und meist unverziert. Es handelt sich dabei meist um einfache Gebrauchskeramik, welche im frühen Mittelalter vorrangig als Kochgeschirr diente. Eßgeschirr und Vorratsgefäße waren überwiegend aus Holz. Tischgeschirr in Form von Kannen und Krügen trat erstmals im 12. Jahrhundert auf und verdeutlicht eine Veränderung der Tischsitte. Sie waren zum größten Teil aus Harter Grauware.

Im 13. Jahrhundert kommt eine weitere Keramikart hinzu, die Rote Irdenware. Sie ist wesentlich seltener als die graue Alltagskeramik. Einige dieser Stücke sind mit Rollstempeln und Auflagen aus weißem Ton, in Form von Schuppenbändern, Schuppenflächen, Rosetten, Nuppen, Blüten, Muscheln oder Ranken verziert. Diese Form von Keramik wird als "mittelalterliche hochverzierte Irdenware" angesprochen. Sie datiert hauptsächlich in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts. Es handelt sich dabei überwiegend um Krüge und Kannen. Diese sind neben der Verzierung, meist außenseitig grün glasiert. Im Gegensatz zu der trist anmutenden Harten Grauware tritt mit der Roten Irdenware und besonders mit der hochverzierten Roten Irdenware eine Keramikform auf, die bis dahin eine unbekannte Farbenfreude und Verzierungsvielfalt in das Tischgeschirr brachte.

Längliche Gesichter

Eine seltenere Form der Verzierung bei Roter Irdenware sind figürliche Applikationen. Es kann sich dabei um Gesichter oder komplette Figuren handeln, die auf dem Halsbereich von Krügen und Kannen aufgebracht wurden. Weniger als ein Prozent der hochverzierten Roten Irdenware hat diese Verzierung. Es gibt Gesichtsfragmente mit Bartkranz im Kinn- und Wangenbereich die größtenteils aus dem Ausgangsmaterial herausgeformt sind. Der Mund ist durch ein aufgelegtes und geritztes Tonplättchen dargestellt.

Eine weitere Gruppe sind längliche Gesichter, die auf das Gefäß aufgesetzt wurden und mit einer Kapuze oder einem Gebinde umgeben sind. Während die Köpfe vollplastisch gestaltet sind, werden die Körper durch eine dünne Tonauflage dargestellt. Auf einer Scherbe, die auf der Grabung Große Petersgrube gefunden wurde, läßt sich deutlich ein nach unten glockenförmig öffnendes Kleid erkennen, woraus geschlossen werden kann, daß es sich um Frauen handelt. Sie halten sich an den Händen und waren rund um die Kanne aufgebracht und imitieren wahrscheinlich im Reigen tanzende Mädchen.

Die Annahme, daß es sich um Nonnen handelt, die ein Schenkgefäß verzieren, in welchem vielleicht Bier oder Wein gereicht wurde, erscheint fragwürdig. Denkbar wäre dies, wenn es sich um ein Gefäß aus dem sakralen Bereich handeln würde. Die Grabungen in der Lübecker Altstadt, auf welchen bisher Funde gesichtsverzierter Keramik gemacht wurden, deuten diesen Zusammenhang nicht an.

Aufwendige Herstellung

Die Herstellung der antropomorph verzierten Roten Irdenware war recht aufwendig. Die Krüge oder Kannen, bei denen die Gesichter nicht aus dem Ton des Gefäßes herausgedrückt sind, wurden zuerst getöpfert und dann gebrannt. Danach wurden die figürlichen Verzierungen aufgebracht und mit einer flüssigen Glasurmasse überzogen. Hiernach wurden sie ein weiteres mal gebrannt. Die Produktion war demnach nicht nur arbeitsaufwendig, sondern auch kostspielig. Dies macht deutlich, daß es sich wahrscheinlich um Keramik gehandelt hat, die für einen Großteil der Bevölkerung nicht erschwinglich war.

Müllgrube eines Töpfers

Insgesamt wurden in Lübeck mehr als ein Dutzend dieser Scherben gefunden, die vor allem im südlichem Skandinavien und entlang der Ostseeküste verbreitet sind. Neben Funden im Ostseeraum gibt es ebenfalls Funde aus England und den Niederlanden, die aus Töpfereien stammen. Ein weiterer Produktionsort konnte in Dänemark nachgewiesen werden.

Wurde bisher davon ausgegangen, daß es sich bei den Funden von gesichtsverzierter Keramik um Importe aus den oben genannten Produktionsländern handelt, konnten jüngste Grabungen in der Lübecker Altstadt neue Erkenntnisse bringen.

Auf der Grabung Große Alte Fähre 1 konnten aus Töpfereiabfällen des 13. Jahrhunderts zahlreiche Gesichtsscherben geborgen werden. Die Abfälle gehö- ren vermutlich zu einer Töpferei, welche sich in direkter Nähe befand. Sie wurde durch Grabungen in der Kleinen Burg-straße 11 nachgewiesen. Ihre Produkte konnten in Form von Abfällen und Fehlbränden auch auf dem Gelände der Großen Alten Fähre 1 nachgewiesen werden. Der Töpfer hatte dort seinen Müll einfach entsorgt. Somit konnte erstmals eine Lübecker Produktionsstätte der anthropomorph verzierten Roten Irdenware nachgewiesen werden.

Kay-Peter Suchowa M. A. Bereich Archäologie

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