Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 27. Mai 2019

Ausgabe vom 25. September 2001

Lübecker Experten sind gefragt

Suchthilfekoordinator Gisbert Stein hilft Estland beim Aufbau der Suchthilfe - Die SZ hat ihn dazu befragt

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Suchthilfekoordinator Gisbert Stein in seinem Büro im Gesundheitsamt; Foto: N. Neubauer

Am Sonnabend fliegen Sie für zwei Wochen nach Tallinn, in die Hauptstadt von Estland. Was ist der Grund für Ihre Reise?

Ich nehme an einem Projekt der Landesregierung Schleswig-Holstein teil mit dem Ziel, in Estland Suchthilfestrukturen aufzubauen.

Was ist das für ein Projekt und wie ist es dazu gekommen?

Hintergrund ist die EU-Erweiterung. Die baltischen Staaten Litauen, Lettland und Estland gehören zu den erweiterten Beitrittsländern der Europäischen Union. Um in die EU überhauptaufgenommen werden zu können, müssen sie bestimmte Standards erfüllen. Das gilt etwa für das Gesundheitswesen, das Sozialwesen und auch für die Suchtkrankenversorgung. Um diese Standards zu erreichen, hilft die EU mit Geld und solchen Projekten. Für dieses Projekt ganz konkret haben sich verschiedene Länder beworben. Kiel hat im Frühsommer dann den Zuschlag erhalten.

Was allerdings noch nicht erklärt, warum Sie dabei sind. Was qualifiziert Sie für diese Aufgabe?

Eine diffizile Frage. Gut, ich bin aufgrund meiner beruflichen Erfahrung und jetzigen Tätigkeit in vielen Gremien und Ausschüssen tätig. Ich bin der einzige Suchthilfekoordinator in Schleswig-Holstein - ein Modell, das als vorbildlich gilt und zur Zeit von verschiedenen Leistungsträgern finanziert wird. Für Estland denke ich, hat man jemanden gesucht, der die Suchthilfe koordiniert, Kooperationsmodelle aufbaut, Netzwerke schafft - also das, was ich unter anderem in Lübeck ausübe. Hinzu kommt, daß ich früher eine Zeit lang als Gruppenpsychotherapeut gearbeitet habe und in der Verwaltung später die betriebswirtschaftliche und organisatorische Seite einer Fachklinik kennengelernt habe.

Wer ist an dem Projekt außer Ihnen beteiligt?

Wir sind fünf Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen. Ein Hauptverantwortlicher von der Landesstelle gegen Suchtgefahren wird über 14 Monate in Estland sein und den Aufbau der Strukturen vor Ort betreuen. Zudem sind vier Kurzzeitberater beteiligt. Einer ist für die EDVund Statistik zuständig, einer für Psychotherapie, einer für Beschaffungskriminalität - das ist übrigens der ehemalige Polizeipräsident von Lübeck, Herr Tabarelli. Ich bin der vierte Kurzzeitberater.

Welche Aufgabe haben Sie genau?

Meine Aufgabe ist es, Estland bei dem Aufbau von drei Kliniken, das heißt, Beratungs- und Behandlungszentren zu unterstützen - in Tallinn, in Narva und in Tartu. Außerdem werde ich beim Aufbau von Kooperationsmodellen helfen und versuchen, die Beratungsstellen, Arztpraxen und Kliniken zu ver- netzen.

Kurzzeitberater, was heißt das? Über welchen Zeitraum erstreckt sich das Projekt?

Das Projekt läuft etwas über ein Jahr. Innerhalb der nächsten vierzehn Monate werde ich voraussichtlich zehn Wochen in Estland sein. Zwei Wochen vom Sonnabend an, das nächste Mal fahre ich nach jetziger Planung im November, dann müssen wir weiter schauen. Meine Tätigkeit dort wird ausschließlich von der EU finanziert.

Wie hat man sich bisher Suchthilfe in Estland vorzustellen? War Sucht vor der Unabhängigkeit ein Tabuthema?

Nein, das war nicht so wie in der Ex-DDR. Abhängige wurden aber ausschließlich in psychiatrischen Kliniken behandelt. Man kann sagen, sie wurden häufig abgeschoben und nicht in einen Integrationsprozeß geführt. Die genauen Strukturen der Suchthilfe sind mir nicht ganz bekannt. Klar ist, daß sie keine Beratungsstellen, keine Selbsthilfegruppen haben. Was sie stattdessen haben, ist wenig bekannt.

Dann wird die Reise also ein Sprung ins kalte Wasser?

Ja, das ist richtig. Es gibt keine genauen Zahlen zu der Anzahl der Abhängigen und den jeweiligen Süchten. Allerdings gibt es Trends. Das Konsumverhalten in Bezug auf Alkohol ist besonders ausgeprägt in ärmeren Bevölkerungsschichten und bei jungen Menschen. In Estland wird Alkohol mehr als in Deutschland selbst gebrannt. Gerade in den letzten Wochen hat es wieder 40 Tote gegeben, die gepanschten Alkohol getrunken hatten.

Sprechen Sie eigentlich Estnisch?

Nein, das ist aber auch nicht nötig. Zum einen haben wir einen Dolmetscher dabei und zum anderen habe ich in den vergangenen Wochen mein Englisch aufgebessert. Englisch ist dort verbreitet, denn die Jugendlichen streben danach, westliche Standards zu erfüllen.

Wenn also Sprache und Verständigung kein Problem sein werden - wo glauben Sie, werden Schwierigkeiten sein, mit denen Sie zu kämpfen haben?

Zunächst müssen wir uns einen Überblick verschaffen. Klären, wie die Bedingungen vor Ort sind. Ich weiß nicht, wie unser Büro ausgestattet sein wird. Wird es einenSchreibtisch haben, ein Telefon? Solche organisatorischen Dinge müssen geregelt werden. Dann ist die Frage,welche Vorstellungen die Esten haben. Wer ist für welche Strukturen verantwortlich? Kann man von Deutschland aus sinnvollerweise Erfahrungen und Strukturen übernehmen, welche sind das? Und was darf man auf keinen Fall übertragen, weil dort ganz andere Bedingungen herrschen, die Kultur eine andere, der geschichtliche Hintergrund ein anderer ist?

Die Hansestadt Lübeck hat Sie für das Projekt freigestellt...

Ja, denn der Zeitraum ist überschaubar und abgestimmt mit meinen hiesigen Aufgaben. Außerdem profitiert Lübeck von dem Projekt. Vertreter aus Tallinn werden die Hansestadt besuchen, um sich Einrichtungen anzuschauen und meist ergeben sich dadurch auf verschiedenen Ebenen weitere Formen der Zusammenarbeit.

Das Gespräch führte Nathalie Neubauer, Redakteurin der Lübecker Stadtzeitung.

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