Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 24. Oktober 2017

Ausgabe vom 13. November 2001

Abgasschwaden überm Seeheilbad

Forschungsprojekt in Travemünde zur Verminderung von Schiffsimmissionen

2020302.jpg
Die Robin-Hood der TT-Line zählt zu den umweltfreundlicheren Schiffen.; Foto: SZ-Archiv / M. Erz

Die Hansestadt Lübeck steckt in einem Interessenskonflikt: Einerseits zählen die Häfen zu den wichtigsten Wirtschaftsbereichen, andererseits gefährden die Schiffsabgase den Status Travemündes als Seeheilbad. Ein Dilemma, in dem fast alle Häfen an Nord und Ostsee stecken. Seit August des Jahres läuft jetzt ein Projekt, das etwas hölzern als "Umsetzung der Agenda 21 in europäischen Seehäfen am Beispiel Lübeck-Travemünde" bezeichnet wurde. Dessen Ziel ist, Lösungen zu entwickeln, wie Schadstoffimmissionen, Lärm und Vibrationen durch Schiffe vermindert werden können. Am vergangenen Dienstag nahm Wirtschaftssenator Wolfgang Halbedel stellvertretend für die Stadtwerke Lübeck als Zuwendungsempfänger die entsprechende Förderbescheinigung über fast eine halbe Million Mark von Christiane Pistorius vom Umweltbundesamt (UBA) entgegen.

Das Forschungsprojekt erstreckt sich zunächst über einen Zeitraum von drei Jahren. Beteiligt sind neben den Stadtwerken das Agenda-21-Büro der Hansestadt Lübeck sowie die Gesellschaft für angewandten Umweltschutz und Sicherheit im Seeverkehr (GAUSS) aus Bremen. Im Laufe des Projekts sollen exakte Emissionsuntersuchungen vorgenommen werden, technische Lösungsvorschläge für die Verringerung der durch dieselbetriebene Schiffsmotoren erzeugte Schadstoffimmissionen, Lärm und Vibrationen unterbreitet sowie die Wertstoff- und Abfallströme erfaßt werden.

Internationale Kooperation

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Klärung rechtlicher Fragen. Das betrifft insbesondere die Verknüpfung von - relativ laschem - internationalen Umwelt- und Seerecht sowie europäischen und deutschen Vorschriften. Letztlich sollen die Erfahrungen, die in Travemünde gewonnen werden, als Demonstrationsobjekt für die Ostseeanrainerstaaten dienen.

Daß dringend international kooperiert werden muß, verdeutlichte bei der Vorstellung des Projektes im Lübecker Rathaus Volker Brenk vom UBA. Seinen Angaben nach stammen 80 Prozent der Schadstoffimmissionen der Hamburger Innenstadt aus dem Schiffsbetrieb. Er könne sich vorstellen, daß es in Travemünde ähnlich aussehe.

Brenk liegt mit dieser Einschätzung ganz richtig: In einem Bericht an die Bürgerschaft des Fachbereichs Umwelt heißt es bereits 1996: "In Travemünde beträgt der Anteil der Schiffahrt an den NOx-Emissionen mit 464 Tonnen pro Jahr bei rund 76 Prozent der Gesamtbelastung. Bei den SOx-Emissionen liegt der Anteil sogar bei über 94 Prozent, entsprechend 393 Tonnen.

Der hohe Schadstoffausstoß der Fähren und Schiffe hängt in erster Linie mit dem Kraftstoff zusammen: Während seit Anfang November flächendeckend schwefelarmer Sprit in Deutschland eingeführt wurde, verbrennen Schiffe sogenanntes Schweröl (siehe Kasten rechts). Das führt nicht nur in Travemünde zu Problemen, wie Ralf Gierke, Leiter dieses Agenda-21-Projektes bei den Stadtwerken, ausführte. So werde in Göteborg eine ganze Häuserzeile zum Schutz der Anwohner vor den Schiffsabgasen leergezogen. Helsinki erwäge aufgrund der enormen Lärmbelastung seinen Hafen zu verlegen und in Klaipeda zögen die Rauchschwaden der Schiffe sogar bis ins Rathaus.

Großes Potential

Da deutsches Umweltrecht nicht auf See gelte, müßten alle Ostseeanrainerstaaten gemeinsame Anstrengungen unternehmen, um einheitliche Standards für umweltfreundliche Schiffe zu entwickeln. So ließen sich die Emissionen der großen Pötte um bis zu 60 Prozent reduzieren, wenn es gelänge, die Schiffe in den Häfen ans Stromnetz anzuschließen. Doch dazu bedarf es einerseits umfangreicher Umbaumaßnahmen an den Anlegestellen als auch anders konzipierter Schiffe.

Doch noch ist es nicht soweit: Da die Schiffe zur Stromversorgung ihre Schiffsaggregate laufen lassen müssen, führt das zu Lärmbelästigungen der Anwohner. Aber auch die Vibrationen der Hauptmaschinen und Hilfsdiesel, die sich über den Schlamm ans Ufer übertragen, stören Anlieger und Gastronomie.

Im Rahmen des Forschungsprojekts soll nicht nur anhand von Messungen des Lärms und der Vibrationen ermittelt werden, inwieweit dadurch die Lebensqualität der Anwohner beeinträchtigt wird. Vorgesehen ist auch die Einbeziehung von Stadtteilrunden, Vereinen und Bürgerarbeitsgruppen. Abschließendes Ziel des Projektes ist, die Ergebnisse daraus im Rahmen einer grenzüberschreitenden Kooperation (Memorandum of Understanding für umweltfreundliche Häfen) gemeinsam mit konkurrierenden Häfen im Ostseeraum umzusetzen.

Greenshipping in Lübeck?

Aufgrund der internationalen Bestimmungen, die sich nur langfristig ändern lassen, der Konkurrenz unter den Häfen und der langen Vorlaufzeiten die nötig sind, Schiffe und Anleger umzurüsten, empfahl Brenk, das Hamburger Greenshipping-Modell auch für Lübeck Travemünde anzuwenden: "Das Signal ist wichtig", sagte er.

Senator Halbedel erwiderte, daß sein Fachbereich bereits das Umweltministerium SchleswigHolsteins angeschrieben habe, um prüfen zu lassen, ob das Hamburger Recht auch "hier angewandt werden kann". Halb-edel verwies darauf, daß die TT-Line bereits Fähren einsetze, die wesentlich umweltfreundlicher seien als andere Schiffe.

TT-Green Ships

Die neuen Schwesterschiffe der TT-Line, die auf der Fährverbindung Travemünde - Trelleborg eingesetzt werden, Nils Holgersson und Peter Pan, stoßen mit ihren dieselelektrischen Antrieben deutlich weniger Schadstoffe aus als andere Fähren. Anstelle von Schweröl wird Marine Diesel Oil (MDO) als Brennstoff eingesetzt. MDO enthält rund 93 Prozent weniger Schwefel als Schweröl, entsprechend sinkt auch die Schwefeldioxid-Emission im gleichen Verhältnis. Durch die Schiffsform und die neue Antriebstechnik verbrauchen die neuen TT-Fähren zudem weniger Brennstoff. Weiteres Plus: Die Schiffe sind mit TBT-freien Farben angestrichen.

REENSHIPPING - DAS HAMBURGER MODELL

Die Freie und Hansestadt Hamburg hat seit Juli 2001 für umweltfreundliche Schiffe die Hafengebühren gesenkt.

Das bedeutet, daß die Schiffe, die auf dem Gebiet der Abgas-
belastung, des Schiffsanstrichs oder bei der Umweltzertifizierung hohe Standards einhalten, ein um sechs oder zwölf Prozent niedrigeres Hafengeld zahlen müssen. Das Green-Shipping-Projekt ist zunächst auf fünf
Jahre befristet. Die Umweltbehörde der Hansestadt unterstützt das Modellprojekt mit
750 000 Mark.

Zwölf Prozent der Hafengebühren spart beispielsweise ein Schiff, das ausschließlich Treibstoff mit einem Schwefelgehalt von weniger als 1,5 Prozent verwendet oder die Abgasnormen des zukünftigen Annex VI im internationalen MARPOL-Abkommen für neue Schiffsmotoren um 15 Prozent unterschreitet. Auch für Schiffe, die mit TBT-freiem Anstrich fahren, wird der 15prozentige Abschlag gewährt. TBT (Tributylzinn) ist ein extrem giftiger Stoff, der in herkömmlichen Schiffsfarben enthalten ist und beispielsweise in Bremerhaven zu ganz erheblichen Umweltproblemen führt.

Alle Bedingungen beruhen auf bereits bestehenden Zertifizierungsmaßnahmen oder leicht nachweisbaren Umweltschutzmaßnahmen. Bereits bestehende Anreizsysteme wie der Rotterdamer Green Award werden genutzt. Hamburg verzichtet auf ein eigenes Zertifikat.

Hamburg weist in einer Pressemitteilung auf die enorme Umweltbelastung durch Schiffe hin: "Veraltete Motorentechnik und die Verwendung minderwertiger Brennstoffe führen zu erheblichen Belastungen der Luft. Seeschiffe verursachen in Hamburg inzwischen rund 40 Prozent der Schwefelemissionen aus dem Verkehr."

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de