Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 20. November 2001

Ein Märchen (mehr) für Erwachsene

Theater Lübeck holt Boiledieus Oper "Rotkäppchen" aus der Versenkung - Freitag Premiere

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Der französische Komponist Francois Adrien Boiledieu (1775-1824); Foto: Privat

Die Kunst, es jedem recht zu machen, gelingt Theatern heute weniger denn je. Mit einer Handvoll gängiger Opern könnten die Bühnen in Kiel und Lübeck für ein paar Jahre zwar enor-men Zulauf erzielen - dann aber würde sich Übersättigung einstellen wie bei Musicaltheatern. Doch zum Glück für die Kunst gilt ein Auftrag, das ganze Spektrum des Genres im Auge zu behalten - das zeitgenössische also ebenso wie das traditionelle.

Vitale, melodiöse Musik

Ins letztere gehört das Märchen von Rotkäppchen, das auch den Franzosen vertraut ist: "Le Petit Chaperon Rouge" in der Vertonung von Francois Adrien Boiledieu (1775-1834) ist allerdings mehr eine Oper für Erwachsene. Der Komponist von "Die weiße Dame", die bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein Hit war, schrieb eine vitale, melodiöse Musik, die eine Renaissance verdient - sagte sich auch Lübecks Theaterchef Marc Adam und grub eben dieses Rotkäppchen aus.

Der uneingeschränkte Erfolg von Jules Massenets "Cendrillon" (Aschenputtel) in der letzten Saison ermunterte ihn dazu, wieder eine "Opéra-feérie" ins Weihnachtsprogramm zu nehmen. Neugierig gemacht von den Wertungen, daß "Le Petit Chaperon Rouge" - in Deutschland seit hundert Jahren nicht mehr gegeben - Boiledieus musikalisch reifste Oper sei, machte sich Adam auf die Spurensuche.

Material in Rouen

Nachdem in Deutschland lediglich ein betagter Klavierauszug aufzutreiben war, wurde man ausgerechnet in der Bibliothek von Rouen (der Geburtsstadt des Komponisten) fündig, wo Adam in den 90er Jahren Opernintendant war: Partitur und Orchestermaterial von 1818 (!) kamen per Mikrofilm nach Lübeck. Ein Kopist entzifferte es in dreimonatiger Arbeit und übertrug es in neueste Computer-Technik.

Ab 23. November kann Rotkäppchen á la France dann von Lübeck aus wieder seinen Weg durch die Musiktheater antreten. Die Ausgrabung erzählt die Geschichte von Le Petit Chaperon Rouge. So heißt das Mädchen Rose wegen seiner roten Kappe, die es vor den Nachstellungen des Barons Rodolphe, genannt "der Wolf" schützt - denn er macht noch Gebrauch vom Recht der ersten Nacht. Ein benachbarter Graf verliebt sich ebenfalls in Rose. Für ebenso realistische wie zauberhafte Verwicklungen in einer Mixtur aus "Don Giovanni" und "Der Freischütz" ist also gesorgt, zumal sie sich auch musikalisch zwischen Wolfgang Amadeus Mozart und Carl Maria von Weber bewegen.

Die Premiere von "Rotkäppchen" findet am Freitag, 23. November, um 19.30 Uhr im Großen Haus unter der musikalischen Leitung von GMD Roman Brogli-Sacher statt. In der Inszenierung des Augsburger Intendanten Ulrich Peters und der Aus- stattung von Michael Goden hat das erweiterte Ensemble - mit vielen Doppelbesetzungen - schöne Aufgaben.

Erfolgversprechend

Es singen Chantal Mathias/ Erika Wahl (Titelrolle), Angela Nick/Barbara Rohlfs, Lisa Tjalve/Imke Looft, Patrick Busert, Dirk Eicher, Roberto Gionfriddo/Joe Turpin, Tomasz Koniecz-ny/David Olafsson, Ivan Lovric/ Tomasz Miesliwicz, Andrei Maliouk/Young-Son Ryu, Thomas Scheler, Rainer Trenkmann/ Thomas Franke und der Chor in der Einstudierung von Joseph Feigl. - Der "Cendrillon"-Erfolg sollte sich wiederholen. Güz

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