Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 08. Januar 2002

Erfolgsstory und keinen Bruch

Theater Lübeck:Gespräch mit Generalintendant Marc Adam

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Theaterintendant Marc Adam; Foto: SZ-Archiv

Den Jahreswechsel hat die Lübecker Stadtzeitung zum Anlaß genommen, an Generalintendant Marc Adam einige Fragen zur Situation des Lübecker Theaters zu richten.

SZ: Herr Adam, wie beurteilen Sie das erste Drittel dieser Spielzeit?

Marc Adam: Es ist den Erwartungen entsprechend sehr gut gelaufen. Selbst die Geld-Revue, die ja im freien Verkauf läuft, ist im Schnitt zu 80 Prozent besetzt. Es kommen extra Busse - wir könnten mehr Vorstellungen ansetzen, wenn wir Dienste frei hätten.

Aber Rolf Liebermanns Oper "Die Schule der Frauen" ist wohl ein ziemlicher Flop?

Durchaus nicht. Ich habe mit einer durchschnittlichen Auslastung von 50 bis 55 Prozent gerechnet - und das ist eingetreten. Gewiß, es gab schwach besuchte Vorstellungen. Auf der anderen Seite mußten wir "Aida"-Besucher nach Hause schicken, wenn die Vorstellung ausverkauft war. Boildieus "Rotkäppchen" zieht mehr und mehr an. Es hat die gleiche Chance, wie im Vorjahr "Cendrillon", eine Erfolgsstory zu werden: Wir hatten 14 Vorstellungen angesetzt - 23 sind es geworden. Es muß immer erst die Mundpropaganda einsetzen, und die Erfahrung lehrt, daß die erst nach der fünften, sechsten Aufführung wirkt.

Muten Sie bei acht Produktionen im Musiktheater mit vier Raritäten - "Die Schule der Frauen", "Rotkäppchen", "Wenn wir alle ertrunken sind" von Kalevi Aho und "Die Nase" von Schostakowitsch - dem Publikum nicht zuviel zu? Können Sie künftig nicht anstelle einer dieser Positionen etwa eine bekannte deutsche Spieloper stellen?

Der Spielplan ist sicherlich entdeckungsfreudig, aber wirklich ausgewogen - und es ist immer gute Musik.

Mundpropaganda wichtig

Wollen Sie sich nicht mehr um die Opernbesucher kümmern, indem vor den Vorstellungen ungewohnter Werke eine Einführung gegeben wird?

Wir haben das in der letzten Saison bei Sallinens "Kulervo" gemacht und werden das bei Ahos "Wenn wir alle ertrunken sind" wieder tun.

Im Schauspiel ist mit "Nero" bei den Zuschauern kein Blumentopf zu gewinnen. Muß man nicht einen Schauspiel-Plan danach ausrichten: das "harte" Neue als Studio-Produktionen im freien Verkauf anbieten und den Abonnenten "solide" Werke und Inszenierungen vorsetzen?

"Nero" ist das einzige schwierige Stück im Abo - mag sein, daß auch "Norway today" oder "Gestochen scharfe Polaroids" ungewohnt sind - aber letzteres Stück ist auf allen deutschen Bühnen gespielt worden. Das Schauspiel kommt bislang auf einen Besucher-Schnitt von über 70 Prozent - daran sind natürlich "Der nackte Wahnsinn" und erfreulicherweise auch "Marius & Jeannette" stark beteiligt.

Ihre Ensembles sind aus Spargründen recht klein . . .

Das Schauspiel hat wie bei meinem Vorgänger 18 Mitglieder, wir führen nur die Ehrenmitglieder nicht mehr auf...

... aber hervorragend. Der Einsatz der Schauspieler über die Produktionen hinaus ist enorm - der "Schweizer Salon" im Dezember ist ebenso eindrucksvolles Beispiel dafür wie die Soloabende von Saskia von Winterfeld und Sylvia Habermann. Dennoch zeigen sich in den Wochenplänen immer wieder Lü-cken - können Sie dem entgegenwirken?

Im Großen Haus macht sich das Fehlen des Balletts bemerkbar. Aber es gibt auch Zwänge. Es mangelt in der Technik an Positionen: Jetzt im Januar macht sich das besonders bemerkbar bei den intensiven Proben für "Das Ballhaus" und die finnische Oper. Schließlich müssen Sie bedenken, daß wir eine ungewöhnlich lange Saison haben.

Das junge Publikum wächst langsamer nach als früher. So sind Sie angewiesen auf die langjährigen Getreuen - die aber manches, was gegen den Strich gebürstet und als Modernisie- rung ausgegeben wird, nicht mehr goutieren. Können Sie das ändern?

Zunächst: Wir haben zu diesem Zeitpunkt mehr Zuschauer als vor einem Jahr - wir haben diesmal keinen Bruch wie damals nach "Amphitryon"

Fürchten Sie, daß die Institution "Theater" gefährdet ist?

Im Gegenteil - je mehr die Technisierung der Welt fortschreitet, desto mehr Begegnung auf der Basis der Kunstform Theater wird gesucht werden. Allerdings ist sie Veränderungen unterworfen, was wir alle merken. Wir brauchten im Moment einen Zusatzort, etwa eine alte Fabrik, für neue Formen von Schauspiel und Kammeroper, um neue Publikumsschichten zu interessieren. Aber auf der anderen Seite könnten wir es mit den gegenwärtigen Mitteln nicht bewältigen.

Der Bildungsbürger alten Schlags stirbt offenbar aus. Und die Neugier für Theaterkunst schwindet - es sei denn, sie wird mit großem Werbeaufwand geweckt....

Wir müssen nicht extra mit Events powern - unsere Events sind jeden Abend!

Dazu kommt, daß das Leben heute viel Stress verursacht und die Menschen Experimenten gegenüber abgeneigt sind. Haben Sie Pläne, die Menschen zu "entstressen"?

Ich empfinde das Theater nicht als Entstressungsanstalt - es muß unterhalten, aber es muß auch die Gedanken anregen.

Herr Adam, Sie haben eine große Verantwortung für Ihre Mitarbeiter und den Weiterbestand des Hauses sowie gegenüber dem Publikum. Die finanzielle Basis der

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