Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Samstag, 17. November 2018

Ausgabe vom 15. Januar 2002

Zu Kurz gedacht und kontraproduktiv

Zu den Plänen, die Völkerkundesammlung zu schließen

Seit Jahren bin ich ehrenamtlich im kulturellen und schulischen Bereich der Hansestadt tätig. Ich nehme für mich in Anspruch, einen Überblick über diese Bereiche zu haben. Ich halte es für zu kurz gedacht und kontraproduktiv, die Völkerkundesammlung zur Disposition zu stellen.

In einer Zeit, die der Globalisierung, der Multikulturalität und dem Verständnis für andere Völker aufgeschlossen ist, verbietet es sich, ein Institut wie die Völkerkundesammlung zu schließen bzw. den Ausstellungsbetrieb einzustellen.

Als Bürgerin der Hansestadt bin ich davon überzeugt, daß es gilt, ein einzigartiges Juwel zu hegen und zu pflegen, nämlich die über 28.000 Objekte, die Bürger der Stadt seit Mitte des vorletzten Jahrhunderts auf Reisen erworben und der Ge-meinnützigen Gesellschaft als Legate zur Verfügung gestellt haben. Diese sind bekanntlich 1934 der Stadt übergeben und in die Völkerkundesammlung überführt worden.

Als Zeitgenossin bin ich glücklich, daß die Ethnologie als Wissenschaft jahrzehntelang ihre eigene Geschichte aufgearbeitet hat und nun schon einige Zeit in der Lage ist, dem Laien die geschichtlichen Zusammenhänge zur Zeit des Kolonialismus und Imperialismus zu erhellen und mithin unsere unrühmliche Rolle in der Vergangenheit.

Als Mitglied der Synode des Kirchenkreises Lübeck bin ich der Meinung, daß im Besonderen dieses Institut mit seiner Leiterin, den Eine-WeIt-Gedanken und die Frage von Gleichwertigkeit der Menschen auf überzeugende Weise aufarbeitet. Es wäre ein Trugschluß zu glauben, dieses könnte vom Haus der Kulturen allein geleistet werden.

Als Kunstinteressierte bin ich angetan von dem Niveau und der Vielfalt, Ausarbeitung und Breite der Ausstellungen sowie der Fundiertheit der Kataloge, die eine Ergänzung zu den eher regionalen Bemühungen des St.-Annen-Museums darstellen. Die "Katsinam-Ausstellung" würde selbst in einer Stadt wie München Furore machen.

Ohne die Pisa-Studie unnötig zu bemühen, ist uns allen doch wohl klar, daß Häppchenkultur mit Eventcharakter die kontinuierliche und oft wenig spektakuläre Arbeit, die sich mit den Objekten fremder Welten -meist aus der Vergangenheit -im Detail auseinandersetzt, nicht ersetzt und nicht überflüssig macht. Hier werden ausnahmsweise mal dicke Bretter gebohrt.

Ein Haus wie die Völkerkunde in Lübeck ist wichtiger denn je. Schließlich ist Schleswig-Holstein ohne eine einzige funktionierende, ausstellungsaktive, alle Kulturen vertretende Völkerkunde nicht offen für die Anforderungen der Zukunft.

Ich erwarte, daß alle Bürgerschaftsmitglieder sich baldmöglichst von der Arbeit des Hauses ein eigenes Bild machen. Es ist übrigens jederzeit möglich, Mitglied des Fördervereins zu werden.

Antje Peters-Hirt, Lübeck

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