Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 22. Januar 2002

Mindestmaß an kultureller Vielfalt

Zur drohenden Schließung von Kultureinrichtungen

Zur Zeit sind Bürger aufgeschreckt, weil die Schließung des Kommunalen Kinos und der Völkerkundesammlung geplant ist. Was macht die kulturelle Bedeutung einer Stadt aus? Ich erwarte von dem Gebilde Stadt, daß es die Rahmenbedingungen bereitstellt, die ein Mindestmaß an Vielfalt des kulturellen Angebots ermöglichen, und zwar als Alternative zu kommerziellen Angeboten. Ein nichtkommerzielles Kino gehört dazu.

Wenn ein Völkerkundemuseum vorhanden ist, erscheint es mir - insbesondere nach dem 11. September des vergangenen Jahres - geradezu aberwitzig, es schließen zu wollen.

Die Ausstellungen im Völkerkundemuseum der vergangenen Jahre haben gezeigt, daß hier mit bescheidensten Mitteln die Arbeit geleistet wird, die jetzt von Politikern gefordert wird, nämlich Völkerverständigung zu fördern.

Der Schock des 11. September hat uns die Augen dahingehend geöffnet, wie wenig wir über den Islam wissen. Wie aber sollen wir uns mit denen auseinandersetzen, die unser Wertesystem ablehnen und bekämpfen, wenn wir von ihnen nichts wissen? Eine Stadt, die durch ausländerfeindliche und antisemitische Gewalt traurigen Ruhm erlangt hat, darf ihr Völkerkundemuseum nicht schließen (...). Was wäre das für ein Signal, wenn ausgerechnet Lübeck als Teil des Weltkulturerbes das Völkerkundemuseum schließen würde?

(...) Niemand wird behaupten, wir hätten in Lübeck nicht genügend Kinos; wir haben allerdings zu wenig unabhängig voneinander arbeitende Kinobetreiber, nämlich außer der Stadt als Trägerin des Kommunalen Kinos nur noch einen! (...) Das Kommunale Kino kann einem Programm, das ausschließlich auf wirtschaftlichen Erfolg abgestellt ist (was ich für völlig legitim halte), eine Alternative entgegensetzen. Da seine Programmstruktur völlig anders ist, hat hier das "Große Kino" ebenso seinen Platz wie der Low-Budget-Film eines Außenseiters; hier wird mehrheitlicher Publikumsgeschmack ebenso bedient, wie Wünsche von kulturellen, sozialen oder ethnischen Minderheiten. (...) Die Bürgerschaft sollte genau prüfen, welche Einsparpotentiale beide Institutionen haben.

Dr. Christoph Schöttler,

Lübeck

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