Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 16. Juli 2019

Ausgabe vom 30. April 2002

Das Notebook des Mittelalters

Notizen auf Wachstäfelchen - Serie: Teil 10

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Das Notebook des 15. Jahrhunderts war aus Wachs.; Foto: Bereich Archäologie

Das Wachstäfelchen, das ich in der Hand halte, hat über 500 Jahre in einer Kloake auf dem Gelände der ehemaligen Fronerei (Gefängnis) auf dem Lübecker Schrangen gelegen. Das maximal drei Millimeter dünne, leichte Brettchen von der Größe einer halben Postkarte ist auf beiden Seiten, bis auf einen umlaufenden Rand, ein wenig eingetieft und in diesen Bereichen hauchdünn mit dunklem Wachs belegt.

Noch immer sind sie erkennbar und für Fachleute zum größten Teil lesbar, die in die dunkle Wachsfläche eingeritzten Worte. Niemand hat, wie üblich, mit der stumpfen Seite eines Griffels, dessen anderes, spitzes Ende zum Einritzen der Buchstaben diente, das Wachs geglättet und damit das Geschriebene getilgt.

So haben sich Gedanken in Notizform erhalten - Momentaufnahmen aus der Zeit zwischen 1450 und 1500. In diesem seltenen Fall sind es stichwortartige geschäftliche Aufzeichnungen eines Kaufmanns oder einer Kauffrau: Zahlen, Produkte und Namen.

Üblicherweise waren solche Täfelchen zu "Büchern" zusammengebunden. Tatsächlich fanden die Archäologen in der Kloake auf dem Schrangen fünf beschriebene Täfelchen, die zu einem Notizbuch gehörten, und das dazugehörige Lederetui samt Griffel.

Auch in der Kloake der ehemaligen Lateinschule bei St. Jakobi am Koberg wurden die Archäologen fündig: Dort lagen
fünfzig, fast ausschließlich lateinisch beschriftete Wachstafeln, Teile von mindestens 22 "Büchern". Sie sind ein Dokument dafür, was und wie in der Zeit zwischen 1350 und 1400 gelernt wurde.

Alle nutzten die Tafeln

Die Schüler nutzen die Tafeln unter anderem für Schreib-übungen, Zeichnungen und Mustergeschäftsbriefe. Wachstafeln wurden auch von Geistlichen, in der Verwaltung, von der Regierung, und hier selbst von Königen verwendet.

Neben den "Büchern" gibt es auch Einzeltafeln, jeweils mit einem breiten Spektrum an Ausführungen (Größe, Griff, Bindung, Deckel). Die Wachsmasse eines der Täfelchen von St. Jakobi enthielt, neben Bienenwachs, auch Holzkohle. Schon seit der Antike werden dem Wachs, offenbar zur besseren Halt- und Bearbeitbarkeit verschiedene Stoffe zugesetzt. Die Produktion der Wachstafeln lag vermutlich überwiegend in der Hand professioneller Tafler.

Die Wachstafel wurde von der Antike bis ins 19. Jahrhundert verwendet. Sie ist auch vom Papier, das ab 1390 in Deutschland hergestellt und seit dem 15./16. Jahrhundert zunehmend verwendet wurde, nur langsam verdrängt worden.

Die Grundidee der Wachstafel - die wiederverwendbare Schreibfläche - war nämlich ein unschlagbarer Vorteil gegen-über dem Papier. Sie wurde weiterentwickelt zu den Schiefertafeln und - im 20. Jahrhundert - zu den "Printatoren" (Schiebetafeln) für Kinder, den Computern und hier jüngst zu den "Organizern", die - wie im Mittelalter - mit einem Griffel beschrieben werden.

Anja Naschinski, Bereich Archäologie der Hansestadt Lübeck

Am 19. Oktober 2000 hat die Bürgerschaft beschlossen, im Beichthaus des Burgklosters ein Archäologisches Museum einzurichten. Für die Sanierung des Gebäudes waren bereits vorher insgesamt 3,2 Millionen Mark bei der Possehlstiftung, bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und über Städtebauförderungsmittel eingeworben worden, so daß der städtische Haushalt nicht belastet werden muß.

Das Archäologische Museum soll mit einer Sonderausstellung im Herbst 2002 eröffnet werden.

Zur Einstimmung und Vorbereitung wird der Bereich Archäologie in der Stadtzeitung ausgesuchte Funde oder Fundgruppen vorstellen - jeweils in der letzten Ausgabe des Monats. Der erste Teil wurde Ende Mai 2001 veröffentlicht.

Die Funde werden immer in Form einer kleinen Ausstellung im Foyer des Rathauses zu sehen sein. Diesmal ist der Fund vom 30. April bis zum 26. Mai 2002 ausgestellt.

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