Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 25. April 2019

Ausgabe vom 30. Juli 2002

"ich bin von erd und thon"

Ziegelstein, Tegelsteen oder Backstein - Serie: Teil 13

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Diese seltenen Beispiele romanischer Bauplastik in Lübeck gerieten im 13. Jahrhundert in die Erde und sind durch Grabungen wieder ans Tageslicht gekommen.; Foto: Bereich Archäologie

Im Norden heißt er eigentlich "Ziegelstein" oder "Tegelsteen" im Plattdeutschen, die Bezeichnung "Backstein" ist im süddeutschen Sprachraum gebräuchlicher. Er wird oft als ein billigeres Surrogat für den wertvollen Naturstein dargestellt. Zudem ist sein Aussehen recht gewöhnlich: Ein grober, kubisch geformter und rot gebrannter Lehmklotz von durchschnittlich etwa 28 cm Länge, 13,5 cm Breite und 8,5 cm Höhe.

Und doch verbirgt sich dahinter eine lange Geschichte und eine nicht geahnte Größe: Der Backstein ist, wie es einmal formuliert wurde, der erste Baustoff, welcher durch die Beherrschung der vier Elemente Erde, Luft, Wasser und Feuer vom menschlichen Intellekt geschaffen wurde.

Mit Schlamm fing alles an

Seine Geschichte begann vor etwa 10 000 Jahren im Nildelta. Aus Nilschlamm und pflanzlichen Fasern wurden dort die ersten Handstrichsteine geformt und luftgetrocknet. Seit etwa 7000 Jahren gibt es die in Meilern oder einfachen Feldöfen gebrannten Steine. Aus diesen Urformen des heutigen Backsteins wurden monumentale Bauwerke der großen Flußtalkulturen des Nahen und Mittleren Ostens errichtet, von denen der Turm zu Babylon (das biblische Babel) wohl das bekannteste ist. Sein Urbau entstand vor etwa 4000 Jahren aus 85 Millionen gebrannten und ungebrannten Ziegeln.

Das antike Griechenland ignorierte den Backstein als Baustoff nahezu ganz. In der römischen Architektur spielte er aber eine überragende Rolle vor allem im Zweckbau.

Italienischer Einfluß

Im 10. und 11. Jahrhundert entwickelte sich zunächst in Oberitalien eine bedeutende kirchliche und profane Backsteinkunst, die ab der Mitte des 12. Jahrhunderts die norddeutsche Architektur entscheidend beeinflußte. Kontakte nach Italien, das Aufkommen der Geldwirtschaft und eine zunehmende handwerkliche Spezialisierung in den norddeutschen Städten ermöglichten dort die Entstehung und eine rasche Verbreitung der neuen Bauart.

Ihr Höhepunkt war die Entfaltung der Backsteingotik und ihrer besonderen Formensprache, welche die reduzierten Ausdrucksmöglichkeiten eines Backsteins durch den Einsatz von Farben, Formsteinen und Bauplastiken zu kompensieren wußte. An den großen Lübecker Kirchen ist die monumentale Ausbildung der nordeuropäischen Backsteingotik noch heute zu bewundern.

Erschwinglicher Baustoff

Der neue Baustoff wurde, wie die archäologischen Untersuchungen der letzten 20 Jahre belegen, ab etwa 1200 auch für den Lübecker Bürger interessant und erschwinglich. Er garantierte nicht nur einen besseren Feuer- und Wetterschutz für Häuser und dort eingelagerte Waren, sondern ermöglichte auch, den wachsenden Reichtum des Bauherren besser als das bislang verwendete Holz zum Ausdruck zu bringen.

Nach neuesten Schätzungen wurden in Lübeck rund 100 Millionen Backsteine für sakrale und öffentliche Bauten sowie 160 Millionen Backsteine für den Hausbau verwendet. Diesen immensen Bedarf deckten zuerst wandernde Ziegelbrenner und spätestens ab Ende des 13. Jahrhunderts rats- und kircheneigene Ziegelhöfe ab, die allesamt den westlich der Trave anstehenden Ton verarbeiteten.

Der Herstellungsprozeß verlief seit Jahrtausenden ähnlich: Der Ton mußte zuerst gestochen, dann mindesten über einen Winter gelagert, dabei geschlämmt und durchgeknetet werden, bis er vom Ziegler geformt und abgestrichen werden konnte.

Nach dem Trocknen an der Luft wurden die Rohlinge in

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