Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. April 2019

Ausgabe vom 07. April 1998

90 Prozent bleiben unsichtbar

Zu: "Auf einen Blick: So wählte Lübeck", SZ vom 24. März

Mit Spannung las ich die Zahlen der abgegebenen Stimmen. BRL "nur" 3533? Dann die Heuchelei der großen Parteien: Wir sind ja so froh, daß die Rechten nicht im Rathaus sitzen werden. Soll das etwa bedeuten, daß wir nun zur Tagesordnung übergehen können?

Kennt denn niemand das Bild eines Eisberges: zehn Prozent sieht man, die restlichen 90 Prozent sind unsichtbar. Diese 90 Prozent machen mir Angst.

Es wundert mich daher nicht, daß auch etliche SPD-Wähler (leider, leider, leider) in jedem dunkel eingefärbten Erdbewohner einen "Asylanten" sehen, und jeder arabisch sprechende Mensch ist "natürlich" ein bombenlegender Fundamentalist.

Aber Deutschland ist nicht der Mittelpunkt dieses Staubkorns Erde im Universum, die deutsche Sprache ist keine Weltsprache; für Erdbewohner ist sie hoffnungslos exotisch. Ich habe das ungute Gefühl, daß einige Gruppen sehr daran interessiert sind, daß geistig einfach strukturiertes Denken und Reden und daraus folgerndes Handeln stabil erhalten bleibt.

Niemand kann etwas dafür, dumm zu sein, aber zum Lernen ist es nie zu spät - wenn, ja wenn man bereit dazu ist. Ich zitiere aus einem Interview mit dem amerikanischen Genetik-Professor Luca Cavalli-Sforza, der es wunderbar einfach ausdrückt: "Jeder Mensch wird durch 150 000 Erbfaktoren bestimmt; davon machen äußere Merkmale wie Haut- und Augenfarbe gerade mal ein Dutzend aus. Durch Wanderungen haben sich die Menschen so stark vermischt, daß es keine "reinen Rassen" gibt. Ob wir schwarz, weiß, gelb oder rot sind - das ist nur die Verpackung für ein Puzzle aus Erbteilen der verschiedenen Völkergruppen."

Demnach haben Leute, die wegen einer bloßen Verpackung eine "wahnsinnige Rassen-Politik" betreiben, noch nicht einmal den Intelligenzquotienten eines Stoffkaninchens.

Zu der ach so "schrecklich hohen Zahl" der Ausländer, die sich mit einem Federstrich minutenschnell reduzieren ließe: geben wir ihnen endlich die deutsche Staatsbürgerschaft!

Hiermit gestehe ich es: Ich hatte Bedenken, mich als älterer Mensch unter die jungen Mitglieder des "Bündnisses gegen Rassismus" zu mischen. Nun, es war irgendwie lustig, durch die Breite Straße zu gehen, die unbescholtenen Wochenendeinkäufer standen andächtig Spalier; danke für diese nette Geste, liebe Lübecker Mitbewohner. Noch einmal holte ich tief Luft, um bei der wöchentlichen Zusammenkunft erst einmal nur zuzuhören.

Sei's drum: Packen wir's an, Freunde, es gibt noch viel zu tun.

Peter Schmidt, Lübeck

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