Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 19. April 2018

Ausgabe vom 07. April 1998

Spekulation um Namensgebung

Hat Osterweide etwas mit Ostern zu tun? -Fachleute uneinig

0190701.gif

Hat die Osterweide, die von der Ratzeburger Allee abzweigt, eigentlich etwas mit Ostern zu tun? "Vor Jahren hat das Tiefbauamt beantragt, die Neubaustraße so zu benennen", so Dorothee Gutzeit vom Bereich Verkehr, "allerdings ohne Begründung. Der Senat hat am 5. Mai 1971 diesem Antrag zugestimmt." Es liege jedoch nahe, daß es sich dabei um eine alte Flurbezeichnung handele, die auf Osterlämmer, die einst nahe der heutigen Osterweide grasten, zurückzuführen sei.

Die Straße mündet heute in einen Pfad. Rechts und links davon befinden sich Weiden - auch städtische - und Wiesen. In unmittelbarer Nachbarschaft davon liegen die Straßen Bei der Schafbrücke, Stadtweide und Weidentrift; Namen, die darauf hinweisen, daß in diesem Gebiet einmal Tiere geweidet haben.

Klassischer Weideraum

Auf einer Karte von der Grönauer Heide, die um 1800 entstand und in der dritten Ausgabe der Lübecker Heimat -hefte abgebildet ist, sind Pferdekoppeln südlich und eine Knochenhauerwiese südwestlich von Strecknitz eingezeichnet. "Der ganze Bereich in der Nähe der heutigen Osterweide zählte zum klassischen Weideraum der Stadt", berichtet Archivrat Dr. Ulrich Simon.

In den Lübecker Heimatheften ist auch vermerkt, daß den Domherren aus den Dörfern Genin, Vorrade, Nieder- und Oberbüssau eine Reihe von Abgaben zustanden: unter anderem das Karfreitagshechtgeld und "Lämmergeld". Letzteres bekamen sie in Pfennig, Schilling oder Mark für den Kauf eines Lamms ausgezahlt, das traditionell als Osterspeise diente. "Lämmergeld mußte also rund um Ostern bezahlt werden", schlußfolgert Dorothee Gutzeit, "und geweidet haben die Tiere in dieser Gegend. Da liegt es doch nahe, daß dadurch die Flurbezeichnung Osterweide entstanden ist." Archivrat Dr. Ulrich Simon ist da allerdings skeptisch: "In diesem Gebiet befanden sich zwar früher Stadtweiden," erklärt er. Der Bezug zu Ostern sei aber nicht eindeutig: "Möglicherweise hat es ja auch einmal eine Westerweide gegeben."

Neben den Domherren hatten übrigens auch alle, die ein regelmäßiges Gehalt bezogen, guten Grund, sich zu Ostern zu freuen: "Im Mittelalter wurde das Jahresgehalt vierteljährlich gezahlt", berichtet Simon, "Ratsdiener, Sekretäre oder der amtliche Stadtphysikus bekamen Ostern, Michaelis, Johannis und Weihnachten Geld."

In einer Zeitschrift des Vereins für Lübeckische Geschichte und Altertumskunde aus dem Jahr 1876 ist vermerkt, daß zu den Einkünften der Domherren unter anderem "Geld für Ostereier" gehörte. "Damit verhielt es sich wahrscheinlich ähnlich, wie mit dem Lämmergeld", so Simon, "nach der Fastenzeit wurde üppig gelebt." Eier, die einen hohen Fettgehalt haben, kamen wieder auf den Tisch, und die sicherten sich die Domherren durch die grundherrliche Abgabe.

Auf die mittelalterliche Eierspende zu Ostern gehen heutzutage wiederum die Spiele rund um die Ostereier zurück - auch wenn diese heutzutage vorwiegend in Schokoladenfabriken erzeugt werden und nicht mehr der Erbauung der geistlichen Würdenträger dienen, sondern großen und kleinen Kindern Freude bereiten.

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de