Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 25. August 2019

Ausgabe vom 01. Oktober 2002

Geräte der Chymischen Kunst

Zeugnisse eines Handwerkers, Forschers, Scharlatans? - Teil 15 der Serie

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Hinterlassenschaften eines Alchimisten; Foto: Bereich Archäologie

Bei den archäologischen Ausgrabungen, die in den Jahren 1990 bis 1993 dem Bau der "Königpassage" vorangegangen waren, wurde aus einem hölzernen Abfallschacht des späten Mittelalters Sensationelles zutage gefördert. Außer zeitgenössischem "Hausmüll" beinhaltete die im Hof der Parzelle König-straße 59 freigelegte Kloake Funde, die belegen, daß wir es hier mit den Resten eines Laborinventars zu tun haben. Im einzelnen handelt es sich um einen Destillierhelm (einen sogenannten Alembik), zwei nahezu vollständig erhaltene Destillierkolben sowie Fragmente von mindestens drei bis fünf weiteren Kolben. Mehrere Keramikschalen, die äußerlich Spuren starker Hitzeeinwirkung erkennen lassen, gehören ebenfalls zu diesem Inventar, denn die Destillierkolben wurden meist in Wasserbädern oder Gefäßen, die mit Sand oder Asche gefüllt waren, indirekt erhitzt. Zudem wurden unter anderem Schmelztiegel unterschiedlicher Größe, zwei Metallbarren und Bleistücke gefunden.

Zusammengehörige mittelalterliche "Laborinventare" konnten bisher nur sehr selten aufgedeckt werden. Wenn überhaupt, findet man bei archäologischen Ausgrabungen nur Einzelstücke. Dem Destillierhelm aus dem Lübecker Fundkomplex kommt eine besondere Bedeutung zu, denn europaweit kennt man an Bodenfunden bisher cirka 80 Alembiken aus Glas, aber nur fünf aus Keramik. Und von diesen fünf stammt nur einer aus Deutschland (Köln). Der Fund der Lübecker "Laborgeräte" darf deshalb durchaus als sensationell bezeichnet werden.

Die "frühen Chemiker", die Alchimisten, über deren Arbeitsmethoden und -geräte wir vornehmlich aus Schriftquellen informiert sind, welche von ihnen selbst verfaßt worden sind, arbeiteten mit solchen Gerätschaften. Von der Spätantike bis ins 17. Jahrhundert hinein versteht man unter Alchimie die universalwissenschaftliche Beschäftigung mit chemischen Stoffen. In der Praxis waren im Mittelalter zwei Arbeitsfelder von besonderer Bedeutung: Die Pharmazie und die Metallurgie. Im ersten Fall ging es um die Herstellung von Medizin. Im zweiten Fall spielte die Mineralsäureherstellung eine große Rolle, die sich unter anderem mit der Herstellung von Salpetersäure sowie "Königswasser", ein Gemisch aus Salpeter- und Salzsäure, befaßte, wobei letzteres zum Auslösen des "Königs der Metalle", des Goldes, benötigt wurde.

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