Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 11. Dezember 2018

Ausgabe vom 01. Oktober 2002

Wer dreht an der Rathausuhr?

Wolfgang Möller und seine Kollegen ziehen das Uhrwerk am Kanzleigebäude auf

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Jeden Dienstag stellt Wolfgang Möller die Uhr; Fotos: N. Neubauer

Wolfgang Möller dreht die Kurbel, Kollege Diego Frölich führt das Drahtseil, damit es sich der Rille folgend um die Winde wickelt. Duster und muffig ist es auf dem Dachboden des Kanzleigebäudes; staubig auch. Dennoch meint Möller: "Jetzt ist es angenehm." Im Sommer aber sei es manchmal die Hölle, die Uhr aufzuziehen. "Eine brütende Hitze, manchmal an die 50 Grad."

Wie es unterm Dach des Rathauses genau aussieht, welche Temperaturen wann herrschen, weiß wohl niemand so genau wie Wolfgang Möller und Diego Frölich. Sie sind zwei der drei Männer, die im Rathaus Lübecks an der Zeit drehen.

Jede Woche geht Wolfgang Möller mit einem seiner zwei Kollegen rüber ins Kanzleigebäude, um die Uhr am Kopf des Gebäudes zu stellen. Seit 13 Jahren macht er das. Jeden Dienstag. "Wir kommen nicht zu einer bestimmten Uhrzeit, wir teilen uns das ein, wie es paßt, aber immer dienstags", sagt er.

Die Stadtoberen haben sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder mit dem heute unter Denkmalschutz stehenden Kanzleigebäude befaßt. Die Nutzung des 1480 bis 1485 errichteten und 1588 sowie 1614/15 verlängerten Gebäudes wechselte im Laufe der Geschichte. Unter anderem waren Katasteramt, Einwohneramt, Archiv und nicht zuletzt Polizeiamt untergebracht. Im 19. Jahrhundert kam gar die Diskussion auf, den Bau abzureißen, Anfang der 20er Jahre kam das auch heute wieder aktuelle Thema auf, ob in dem Trakt nicht Geschäfte einziehen sollten.

Ende des 19. Jahrhunderts jedoch war es eine vergleichsweise unwichtigere Frage, mit der sich der Senat auseinandersetzte. In der Akte "Altes Senatsarchiv-Interna-Rathaus, 8/10" im Archiv der Hansestadt Lübeck heißt es in einem Protokoll vom 23. Juni 1883: "Auf erstatteten Bericht des Dirigenten des Polizeiamtes wird das Polizeiamt ermächtigt die bisher am Telegraphengebäude angebracht gewesene Uhr am nördlichen Giebel des alten Kanzleigebäudes anbringen zulassen und dieserhalb eine Requisition an die Baudeputation zu richten. Die Uhr ist zur Nachtzeit mittels Gaslichtes zu beleuchten."

Tick für Tick

Beleuchtet wird die Uhr mit einem Durchmesser von rund einem Meter heute nicht mehr, aufgezogen nach wie vor. Ihr Uhrwerk wird über ein an ein Seil hängendes Gewicht angetrieben. Dieses Gewicht, rund 20 Kilogramm schwer, ziehen Möller und sein Kollege jede Woche anhand einer Kurbel hoch und wickeln dabei das Drahtseil auf eine Winde von etwa 40 Zentimeter Länge. Dann kontrollieren sie, ob die Uhr richtig läuft und schieben die Zeiger an die richtige Stelle - ganz unbemerkt von den Passanten in der Breiten Straße - der 34jährige Möller sieht sie, denn das Ziffernblatt ist stellenweise transparent. Der Zahn der Zeit....

Möllers und Frölichs Job ist getan. Nun wickelt sich Tick für Tick das Seil des Chronometers wieder ab. Ziemlich genau eine Woche, dann hat es sich komplett abgewickelt und die Rathauswärter sind wieder zur Stelle.

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