Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 17. Juni 2019

Ausgabe vom 29. Oktober 2002

Vertauschte Rollen

Starke Frauen, geschwächte Männer - 44. Nordische Filmtage Lübeck beginnen

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Alles über meinen Vater handelt von einem angesehenen Arzt, der sich gern als Frau zurecht macht und davon, wie seine Kinder damit umgehen; Fotos: NFL

"Familie ist das letzte Problem, mit dem wir fertig werden müssen, alle anderen haben wir inzwischen gelöst." Das sagte jüngst der Drehbuchautor und Regisseur Anders Thomas Jensen und hat damit nicht ganz unrecht. Filme als Spiegel der Realität begriffen spiegeln das wider. So zieht sich die Auseinandersetzung mit Familie wie ein roter Faden durch viele Beiträge, die ab Donnerstag, wenn die 44. Nordischen Filmtage Lübeck beginnen, auf Lübecks Leinwänden zu sehen sind. Mal kreist die Auseinandersetzung um die traditionelle, mal um die getrennte Familie oder auch um familienähnliche Formen des Zusammenlebens.

"Das Verhältnis zwischen Frauen und Männern in den Filmen ist dabei nicht sehr ausgewogen", sagt Linde Fröhlich, die das wissen muß. Schließlich hat sie als künstlerische Leiterin des Festivals alle der rund 130 Filme, die innerhalb der Nordischen Filmtage von Donnerstag bis Sonntag in den Kinos Lichtspiele Hoffnung und Filmpalast Stadthalle laufen, gesichtet. "Starken, mystischen Frauen stehen in den Beiträgen oft schwache oder geschwächte Männer gegenüber."

Der schwedische Thriller "Olympisches Feuer" von Colin Nutley zum Beispiel handelt von einer Kriminalreporterin und Mutter, die gegen die üblichen Vorurteile ankämpft, denen beruflich erfolgreiche Frauen oft ausgesetzt sind, und sich gegenüber ihrem Mann behauptet, der Zeit für die Familie einfordert.

Die norwegische Literaturadaption "Ich bin Dina" mit Marie Bonnevie und Gérard Depardieu erzählt die Geschichte von Dina, die unter der Ablehnung ihres Vaters als Kind ihr Leben lang leidet. In dem isländischen Drama "Falken" von Fridrik Thór Fridriksson findet ein Vater seine Tochter wieder und der dänische Film "In Kenntnis der Wahrheit" von Nils Malmros ist ein Beispiel, wie sich Söhne mit Vätern auseinandersetzen. Der bekannte Autorenfilmer hat sich für seinen Film, der von einem renommierten Gehirnchirurgen handelt, von der Lebensgeschichte seines Vaters inspirieren lassen. Ein Höhepunkt im Spielfilmprogramm ist in jedem Fall der neue Aki Kaurismäki-Film "Der Mann ohne Vergangenheit", ein Beitrag der nicht von Familie, sondern von einem Mann handelt, der das Gedächtnis verloren hat.

Nicht nur in Spielfilmen geht es um Familie, auch in anderen Filmsparten. In dem Dokumentarfilm "Alles über meinen Vater" von dem Norweger Even Benestad geht es um Vater-Kind-Beziehungen. Vater Esben nämlich, als Arzt geschätzt, macht sich als Esther gern als Frau zurecht. Sohn Even versucht, sich über eine Filmkamera der Persönlichkeit Esben-Esther anzunähern. Der Eröffnungsfilm "Schwestern im Leben" von Wilfried Hauke, ebenfalls ein Dokumentarfilm, handelt, obgleich der Titel es nahe legt, nicht von Familie. In dem Film mit Ghita Norby, Liv Ullmann und Bibi Andersson erzählen die drei Stars aus ihrem Leben.

In der Sparte Kinder- und Jugendfilme, die der schwedische Star Bibi Andersson eröffnet, werden elf Filme gezeigt. Der Kinostar spielt in einem Höhepunkt dieses Bereiches mit. In "Elina - als ob es mich nicht gäbe" stellt Andersson eine Lehrerin in den 50er Jahren dar, die die Kinder der finnischen Minderheit mit strengen Methoden unterrichtet. Ein weiterer Höhepunkt ist der dänische Beitrag "Kleines starkes Mädchen" von Morten Kohlert, der von einem verwilderten Mädchen erzählt, das im 19. Jahrhundert von einem Kuhhirten aufgegriffen wird.

17 000 Zuschauer erwartet

Die Retrospektive ist in diesem Jahr Frauen gewidmet - nicht jenen, die vor, sondern jenen, die hinter der Kamera stehen. Die Regisseurinnen Mai Zetterling, Astrid Henning-Jensen und Edith Calmar sind mit ihren wichtigsten Filmen vertreten. Letztere wird als Ehrengast zum Festival kommen.

Schrill bis experimentell sind die Filme, die innerhalb des Filmforums Schleswig-Holstein laufen: Im Kurzfilmprogramm ist Lena Krajewskis schwarze Komödie "Frag nicht nach Sonnenschein" mit Katharina Thalbach zu sehen, außerdem läuft "Das Geheminis des Lebens", der neue Thriller von Miguel Alexandre.

"Auch die Kurzfilmfans kommen bei den Nordischen Filmtagen nicht zu kurz", ist sich Linde Fröhlich sicher. Überhaupt sei sie nach insgesamt 250 für das Festival gesichteten Filmen sicher, eine gute Wahl getroffen zu haben. Das Programm sei hochkarätig, sie hoffe damit so wie im vergangenen Jahr wieder 17 000 Zuschauer in die Kinosessel zu locken.

Filmschaffende kommen

Abgesehen von Zuschauern werden wie in jedem Jahr auch Schauspieler, Regisseure, Drehbuchautoren und Produzenten erwartet: Neben Bibi Andersson, die bei der Eröffnungsgala in der MuK am Donnerstag dabei sein wird, haben sich beispielsweise Dogma-Regisseurin Susanne Bier angekündtigt, Miguel Alexandre mit Désirée Nosbusch und viele mehr.

44. NORDISCHE FILMTAGE LüBECK

Karten fürs Festival, das vom 31. Oktober bis zum 3. November läuft, sind telefonisch unter 70 30 102 zu bekommen oder übers Internet zu reservieren (www.filmtage.luebeck.de). Der Preis für eine Karte beträgt 6 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Fünf Karten für verschiedene Filme kosten 25 Euro, ermäßigt 15 Euro. Karten fürs Kinder- und Jugendprogramm gibt es für 2,50 Euro. Die rund 130 Filme laufen im Kino Lichtspiele Hoffnung sowie im Filmpalast Stadthalle. Was, wann wo zu sehen ist, ist im Internet unter der geannten Adresse zu lesen oder dem Filmtage-Programmheft zu entnehmen, das seit Sonnabend im Buddenbrookhaus, in der Bürgerinformation, im Presse-Zentrum, Kommunalen Kino und im Filmpalast Satdthalle für 2,50 Euro zu bekommen ist.

Anläßlich der Filmtage bleiben übrigens die Geschäfte am Sonnabend, 2. November, bis 19 Uhr geöffnet.

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