Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 21. März 2019

Ausgabe vom 14. April 1998

Was wollte Kafka in Lübeck?

Zur neuen Kolumne "Geist-Reich" von und mit Jonas Geist

Vielen Dank für die Rubrik für "Schwerintellektuelle", zu der auch ich (knapp 100 Kilogramm) mich endlich einmal zu Wort melden darf!

Ergänzend zu dem Abschnitt aus dem Kafka Tagebuch möchte ich bemerken, daß wir es an diesem Punkt mit einem noch ungelösten Problem der Kafka-Forschung zu tun haben, bei dessen Lösung die Leser im Verbreitungsgebiet der SZ möglicherweise behilflich sein können. In aller Kürze handelt es sich um Folgendes:

Jahrzehntelang tappte die Forschung praktisch vollkommen im Dunkeln, was den Anlaß von Kafkas Besuch in Lübeck betraf. Was wollte er hier? Er konnte auf der Durchreise nach Marielyst gewesen sein, aber mit wem telefonierte er dann in Gleschendorf?

Anfang der 90er Jahre tauchte in irgendeinem Nachlaß das Photo einer jungen, freilich unidentifizierten Dame aus Kafkas Bekanntenkreis auf, welches die Initialen G. W. trug. Nachforschungen ergaben: G. W. steht für Gertrud Wasner, Tochter eines Lübecker Kaufmanns, die sich 1913, etwa achtzehnjährig, zur Erholung in Riva am Gardasee aufgehalten hatte, wo Kafka sie dann kennenlernte. So weit ist das alles sehr schön, erfreut das Forscherherz und spricht sehr für unsere lübischen Mädels; nun aber kommt das Problem: das Lübecker Adreßbuch weist für die fragliche Zeit überhaupt keine Familie Wasner aus, weder der Kaufmannschaft noch einem anderen Berufszweig zugehörig, weder für die Stadt noch für die eingemeindeten Dörfer.

Kann vielleicht einer der älteren Leser helfen und erinnert sich an eine Kaufmannsfamilie dieses Namens im Lübecker Umland, vielleicht ja in Gleschendorf?

Zu G. W. wäre in diesem Zusammenhang nur noch zu sagen, daß sie etwa um 1894-95 geboren sein müßte und, nach der Erinnerung der Zeitzeugin, schon 27jährig unverheiratet starb.

Andreas Richter, Lübeck

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