Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. Juli 2019

Ausgabe vom 11. März 2003

Abschied von "Festtagen"

Mit der neuen Bürgerschaft endet die Amtszeit des Stadtpräsidenten

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Bürgerschaftssitzungen waren Festtage für den scheidenden Stadtpräsidenten.; Fotos: N. Neubauer

Nach 13 Jahren endet Ihre Amtszeit als Stadtpräsident. Herr Oertling, was werden Sie mit Ihrer freien Zeit anstellen?

Ein bißchen reisen, rudern, lesen. Mit meiner Frau werde ich viel unternehmen. Nach Frankreich und Hannover reisen, meine Töchter und Enkelkinder besuchen oder auch in den Osten fahren - nach Polen und Litauen.

Nach Langeweile klingt das nicht...

Nein, ganz sicher nicht.

Kein bißchen Wehmut?

Ich bin sehr glücklich, daß ich aufhöre. Wissen Sie, wenn man das Amt 13 Jahre ausgeübt hat, erreicht man so etwas wie einen Sättigungsgrad. Ich sitze seit 21 Jahren in der Bürgerschaft - als Bürgerschaftsmitglied, als ehrenamtlicher Senator und seit 1990 als Stadtpräsident. Ich meine, es ist genug.

Wenn Sie die Zeit als Stadtpräsident Revue passieren lassen, welches waren bewegende Momente, besondere Begegnungen?

Die ganze Aufbruchszeit Anfang der 90er Jahre in unserer Partnerstadt Klaipeda war sehr bewegend. Dann der Besuch in Exeter 1992. 50 Jahre nach dem Bombenkrieg waren wir von Exeter zu einer Versöhnungsfeier eingeladen; mit Gottesdiensten und einer Ausstellung zum Bombenkrieg - das waren denkwürdige Tage. Es gab viele interessante Momente. 1992 kam Felix Carlebach in die Bürgerschaft, das war so ein Moment. Wir hatten ihn als Ehrenbürger zur Eröffnung der Musik- und Kongreßhalle eingeladen. Ein alter Herr, Jude, der durch viel Glück Deutschland 1938 verlassen konnte - seine Familie nie wieder sah. Fast alle Familienmitglieder waren von den Nazis ermordet worden. Ich habe die Bundespräsidenten getroffen -Weizsäcker, Herzog, Rau. Gerhard Schröder war hier, Lech Walesa - Begegnungen, die man in sich aufnimmt.

Lübeck zu repräsentieren war die eine Aufgabe, die andere, die Bürgerschaft zu leiten. Ist Ihnen das leicht gefallen oder war es auch schwierig, die Bürgerschaftsmitglieder zu zügeln?

Die Bürgerschaftssitzungen waren ein Vergnügen besonderer Art; Festtage waren das für mich. Natürlich muß man hin und wieder mal ein Machtwort sprechen. Damit hatte ich aber nie ein Problem.

Gibt es herausragende Sitzungen oder Entscheidungen der Bürgerschaft, die Sie erinnern?

Die Entscheidungen rasen an einem vorbei. Mit den einzelnen Punkten habe ich mich nicht sehr befaßt. Nein, was einem im Gedächtnis bleibt, sind eher die Dinge am Rande. Eine Woche nach dem Brand in der Hafenstraße zum Beispiel herrschte in der Bürgerschaft eine nervlich so angespannte Stimmung, daß ich die Sitzung am frühen Abend abbrechen mußte.

Was geben Sie Ihrem Nachfolger mit auf den Weg?

Frisch, fromm, fröhlich, frei möge seine Devise sein. Er sollte Abstand halten zum politischen Tagesgeschäft, sich auf seine Aufgabe als Repräsentant konzentrieren und die Kontakte in der Hansestadt Lübeck und nach außen pflegen.

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