Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 19. November 2018

Ausgabe vom 08. Juli 2003

Leben auf der Baustelle

Eva Kümmel und Kai Freudenreich haben ein denkmalgeschütztes Haus gekauft

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Der Mischmasch der Baustile hat es ihr angetan: Eva Kümmel

"Das Chaos pur", sagt Eva Kümmel und lacht. Man muß sich das nicht näher erklären lassen. Was die 32jährige meint, kapiert man sofort: Im Flur bröckelt der Putz von den Wänden, aus den Angeln gehobene Türen stehen herum, alte Teppiche und Lampen liegen verteilt auf dem Fußboden. Kurzum: Eva Kümmel lebt auf einer Baustelle. Das heißt, ganz so arg verhält es sich dann doch nicht: Ein Teil des Hauses, eine rund 75 Quadratmeter große Wohnung im ersten Stock, ist ausgenommen, sie ist vollkommen in Schuß. Auf den restlichen rund 220 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche dominieren ansonsten aber Schutt und Geröll.

Zunächst zögerte sie

Eva Kümmel und Kai Freudenreich, das ist ihr Partner und in Kürze ihr Ehemann, haben es nicht anders gewollt. Obgleich, Eva Kümmel zugibt: "Das ist das erste und das letzte Sanierungsobjekt. Es kostet einfach viel Kraft, neben der Arbeit etwas auf die Beine zu stellen." Jeden Abend müsse man Hand anlegen, um etwas zustande zu bringen. Das gelinge nach einem langen Arbeitstag allerdings nicht immer.

Im vergangenen Jahr machte sich das Paar auf die Suche nach einem Haus in der Lübecker Altstadt. Die Suche führte es schließlich in die Dr.-Julius-Leber-Straße 31. Während Kai Freudenreich, ein geschichtsinteressierter Maschinenbau-Ingenieur, sofort Feuer und Flamme für das baufällige, denkmalgeschützte Haus war, reagierte Eva Kümmel zunächst zögerlich, stimmte schließlich aber zu: "Der Mischmasch an Baustilen hat es mir angetan." Zudem sprach die Lage und die Größe für das Objekt: Im Parterre will die selbständige Textilrestauratorin eine Werkstatt einrichten. Weiterer Pluspunkt: "Familie kann man sich hier vorstellen." Den Entschluß, das marode Gebäude zu kaufen, haben die zwei noch nicht bereut. Das Haus zu sanieren mache nicht nur Spaß, meint die 32jährige, es sei wie eine Reise in die Vergangenheit.

Erstmalig 1300 erwähnt

Die Spuren aus über 700 Jahren Geschichte finden sich in diesem Haus, das erstmalig im Oberstadtbuch im Jahr 1300 als `domus' erwähnt wurde. Damals kaufte, so läßt es sich in Dokumenten nachlesen, ein gewisser Godecio Grawerte das gotische Haus von einer Frau namens Alheide, Witwe von Hinrich Sutorius. Die gotischen Züge sind noch zu erkennen an den Brandwänden, an den Wandmalereien und den spitzbogigen Fasensteinblenden an der Rückfassade. Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts stammt die Vorderfront mit dem Staffelgiebel und steigenden Hochblenden. Aus dieser Zeit rühren vermutlich auch der Anbau und das Quergebäude im Hinterhof her.

Schicht für Schicht

Die Beschäftigung mit dem Haus führt in die verschiedenen Geschichtsepochen und ist eine ganz spezielle Entdeckungstour: Im Anbau zum Beispiel steht ein Tresor, der sich keinen Zentimeter von der Stelle bewegen läßt. Hinter der Rosentapete des Raums, in dem er steht, verbergen sich ungezählte Schichten weiterer Tapeten bis hin zu einem juteartigen Stoff, der bereits jahrhundertealt sein muß. Wandmalereien haben Kümmel und Freudenreich ebenso entdeckt wie Zeichen, die Handwerker vor ungezählten Jahren in den Dachstuhl ritzten. Und dann die Zeitungen: Zum Beispiel den Lübecker Generalanzeiger vom 3. Februar 1928, die Lübeckischen Blätter vom 29. Oktober 1924.

Auch wenn das Sanieren spannend und abenteuerlich ist, der Spaß daran, hat seine Grenzen: "Wenn man sonnabends den ganzen Tag Putz abschlägt und der Arm einfach nur noch schmerzt, fragt man sich schon, warum man nicht am Strand liegt." Insgesamt überwiege jedoch die Freude, die das Haus mit sich bringe. Man lerne viel über die Geschichte, über Baustile und -kunde und alles, was das Paar erfährt und lernt, hält es fest, heftet das Wissen weg für kommende Generationen.

In diesem Jahr will das Paar zunächst die Werkstatt fertigstellen und dann den Rest des Erdgeschosses sowie im Anschluß den Anbau, in dem der Tresor steht. "In zehn Jahren möchte ich hier einmal wohnen. Das ist mein Traum", sagt Eva Kümmel und zeigt auf das Quergebäude, das zum Schluß der Sanierens dran ist. Bis dahin ist es allerdings noch ein weiter Weg, denn der Gebäudetrakt im Innenhof ist kaum begehbar, Fensterscheiben fehlen, es regnet durch.

TAG DES OFFENEN DENKMALS

Der Tag des offenen Denkmals am 14. September wird in diesem Jahr etwas Besonderes sein für die Hansestadt Lübeck: Die zentrale Eröffnungsfeier findet in der Weltkulturerbestadt statt. Das heißt, die Hansestadt Lübeck erwartet zahlreiche Gäste, Vertreter und Vertreterinnen der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Bundes- und Landesregierung. Die Stadtzeitung startet zum Tag des offenen Denkmals eine Serie. Wir greifen das diesjährige Motto "Geschichte hautnah: Wohnen im Baudenkmal" auf und stellen in loser Folge einige jener Denkmale vor, die am Aktionstag zu besichtigen sind. Rund 65 Lübecker öffnen der

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