Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 24. Juli 2019

Ausgabe vom 07. Oktober 2003

Geschichtswettbewerb - fast 2000 Arbeiten

Moritz Joseph und Eva Henke gewinnen Preise

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Moritz Joseph, Manfred Henke und Eva Henke; Foto: R. Schulze

Alle zwei Jahre werden die Preisträger des Geschichtswett-bewerbs des Bundespräsidenten, ausgerichtet von der Körber-Stiftung in Hamburg, bekanntgegeben. Auch in diesem Jahr waren Lübecker Schüler unter den Preisträgern. Sie wurden betreut von Studienrat Manfred Henke von der Thomas-Mann Schule. Frau Kohlfeldt, Leiterin der Thomas-Mann-Schule gab ihrer besonderen Freude darüber Ausdruck, dass auch die estnische Partnerschule unter den Preisträgern ist. Zum drittenmal habe sich hier die Zusammenarbeit mit Herrn Henke und seiner estnischen Kolle- gin, der Deutschlehrerin Helgi Org, bewährt. Der Wettbewerb stand unter dem Thema: "Weggehen - Ankommen. Migration in der Geschichte". Ungewöhnlich viele, nämlich fast 2000 Arbeiten wurden eingereicht. 550 mit Preisen belohnt.

Moritz Joseph, 13 Jahre alt und Schüler der Thomas-Mann Schule, beschäftigte sich mit einer "fast vergessenen humanitären Katastrophe", an die Frau Professor Antjekathrin Graßmann, Leiterin des Lübecker Archivs, 1997 erinnert hatte. Sie geschah als die Truppen Napoleons Lübeck bereits geräumt hatten und sich überall in Norddeutschland auf dem Rückzug vor russischen und schwedischen Truppen befanden. Der französische Marschall Davout war entschlossen, Hamburg für seinen Kaiser zu halten - ohne Erfolg, wie sich zeigen sollte.

Aber zunächst richtete er die von Moritz beschriebene humanitäre Katastrophe an. Ausgerechnet zum Weihnachtsfest 1813 ließ er die Hamburger Vorstädte niederbrennen, um ein freies Schussfeld vor den Festungswällen zu haben.

Arme, Alte und Kranke wurden als unnötige Esser aus der Stadt ver trieben und die Vorräte der Waisenhäuser und Armenanstalten wurden vom Militär beschlagnahmt. In Lübeck fanden viele der Vertriebenen, nach einem strapaziösen Zug über winterliche Straßen, Aufnahme. Viele trugen nicht einmal das nötigste am Leib, für alle stellten die Lübecker Nahrung, Kleidung, Unterkunft und ärztliche Behandlung bereit.

Moritz zeigt durch einen Vergleich der damals durchführten Maßnahmen, mit den in der Stadt bewährten Methode der Armenfürsorge, dass man dabei auf bewährte Verfahrensweisen zurückgriff. Er ging mit der Kamera durch die Stadt und fotografierte, was von den Gebäuden im Stadtbild erhalten ist, die damals zur Unterbringung der Vertriebenen dienten.

Er findet: Mindestens an einem dieser Gebäude sollte eine Errinnerungstafel angebracht werden.

Eva Henke, inzwischen 14 Jahre alt und Schülerin am Katharineum, befragte ihre Kieler Großmutter und einen guten Bekannten aus Groß Grönau nach deren Erfahrung bei der Vertrei-bung aus Pommern.

Sie musste ihren Vater um Hilfe bitten, ehe ihre Großmutter bereit war , über frauenspezifische Aspekte ihrer Erfahrung zu berichten. Sie versuchte, das Thema in das Umfeld des von Deutschen verantworteten Eroberungskrieges ein- zuordnen.

Sie kommt zu dem Schluss: "Man kann sich nicht an einem ganzen Volk rächen. "... Man sollte den Gedanken der Kollektivschuld hinter sich lassen...".

Sie wagt eine Stellungsnahme zu einer aktuellen Kontroverse, wenn sie meint: " Die Westverlagerung Polens ist nicht unverständlich, wenn man sie auf der Landkarte sieht. Aber durch sie mussten 20 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen, und zwar nicht nur Deutsche, sondern auch über 8 Millionen Polen. Deswegen ist sie menschlich gesehen trotzdem falsch." Genauso falsch wäre es ihrer Ansicht nach, die Ergebnisse der damaligen Ereignisse heute ändern zu wollen. Immer wieder findet sie Beispiele von Mitmenschlichkeit: "Wie Doris Lahmann erfuhr, war Plündern und Vergewaltigen verboten. Eines Tages verhinderte ein offizier die Vergewaltigung ihrer Mutter." Dann kam er auf den Hof, ließ die junge Doris rufen und sagte: "Unsere Soldaten sollen das nicht tun, aber sie tun das immer wieder, und wir können nicht überall sein." Nachträ-glich erhielt Evas Arbeit einen Bezug zu Lübeck: Sie las "Im Krebsgang", das Buch, mit dem Nobelpreisträger Günter Grass eine Auseinandersetzung mit diesem Teil der deutschen Vergangenheit anstieß. M. Henke

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