Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 24. Mai 2019

Ausgabe vom 09. Dezember 2003

Zu wenig Bewegung, zu viel Fett

Übergewicht künftig eines der größten Gesundheitsprobleme

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Zu wenig Bewegung, zu viel fetthaltige Kost: bergewicht hat mit Lebensstilfaktoren zu tun, meint Kinderarzt Dr. Hartmut Stöven. ; Foto: N. Neubauer

Jedes fünfte Kind und jeder dritte Jugendliche ist heute übergewichtig. Nach Anga-ben der Europäischen Union gibt es rund 135 Millionen fettleibige oder übergewichtige Menschen - die EUspricht von einer Epidemie, die sich vor allem unter Jugendlichen und Kindern ausbreitet. Was sind die Ursachen für diese Entwicklung?

Viele Kinder und Jugendliche haben körperliche Aktivität in Form von Spiel und Sport im Freien stark vernachlässigt zugunsten von Computerspiel und Fernsehen. Zu diesem eher passivem Erleben gesellt sich dann der Konsum von Snacks, die meist mehr Fett enthalten als es für Kinder gut ist. Kurz gesagt, einer zu hohen Energiezufuhr steht oft ein zu geringer Energieverbrauch gegenüber. Es sind letztlich Lebensstilfaktoren, die für Übergewicht und Adipositas (Fettleibigkeit, Anm. der Redaktion) verantwortlich gemacht werden können.

Sind alle sozialen Schichten betroffen oder beschränkt sich das Problem auf bestimmte Bevölkerungsgruppen?

Übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche sind in allen sozialen Schichten anzutreffen, allerdings mit einer Häufung in unteren sozialen Schichten. Das heißt, es besteht ein klarer Zusammenhang von sozialer Benachteiligung und Gesundheit. Bei sozial Benach-teiligten findet sich eher Übergewicht! Im Lübecker Kinder-gesundheitsbericht, der im Jahr 2000 vorgelegt wurde, konnte dieser Zusammenhang zwischen sozialer Benachteiligung und Übergewicht sowie Adipositas deutlich dargestellt werden.

Welche Folgen hat Übergewicht für die Gesundheit der betroffenen Kinder?

Übergewicht und Adipositas sind für Kinder und Jugendliche eine Hypothek für ihre Gesundheit, das heißt, die Folgen des Übergewichts und der Adipositas können Bluthoch-druck, Diabetes mellitus Typ II, orthopädische Folgeerscheinungen sein oder bereits im jugendlichen Alter Herz-Kreislauf-Störungen. Und nicht zu vergessen: Die psychischen Folgen - soziale Ausgrenzung, soziale Stigmatisierung und damit Abstemplung als soziale Außenseiter!

Mit welchen gesundheitlichen Spätfolgen ist zu rechnen?

Nun, es wird sich nicht um Spätfolgen handeln - wenn wir das Beispiel eines übergewichtigen Einschülers nehmen, der schon in 20 Jahren seinen Diabetes mellitus II erlebt oder unter Bluthochdruck leidet. Übergewicht und Adipositas führen somit zu chronischen Erkrankungen bereits in einem Alter, wo die Menschen noch gesund im Erwerbsleben stehen sollten.

Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung für das Gesundheitssystem? Hier entstehen doch immense Kosten?

Übergewicht und Adipositas werden in der gesamten westlichen Welt mittlerweile als ernsthafte Bedrohung der Volksgesundheit angesehen und als künftig größtes Gesundheitspro-blem der westlichen Welt. Die mit Übergewicht verbundenen Mehrkosten werden auf vier bis acht Prozent der Gesamtgesund-heitsversorgungskosten geschätzt !

Was können Eltern unternehmen, die ein übergewichtiges Kind haben? Was ist ihnen zu raten?

Eltern von Kindern mit Übergewicht oder Adipositas sollten sich zuerst an ihren Haus- und Kinderarzt wenden. Die Arbeitsgemeinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter der Deutschen Adipositasgesellschaft hat Leitlinien erstellt über die Behandlung und Betreuung von übergewichtigen und adipösen Kindern und Jugendlichen. Die Klinik für Kinderheilkunde und Jugend-medizin der Universität Schleswig-Holstein Campus Lübeck bietet Hilfe über die psychosomatische Abteilung an. Die gesetzlichen Kranken-kassen bieten Hilfe an über ihre Berater für Ernährung, Bewegung und Anti-Streßpro-gramme. Es sei aber darauf hingewiesen, daß es einen großen Markt von Anbietern gibt von noch nicht zertifizierten Hilfs-programmen.

Welche Rolle spielt heute die Schule in diesem Zusammenhang, welche muß sie künftig spielen?

Schule rückt immer mehr in den Mittelpunkt von Maßnahmen. Im Setting Schule wird in Lübeck versucht, gesundes Ernährungsverhalten bei Kin-dern und Jugendlichen zu fördern sowie motorische Fähig-keiten zu stärken und Bewegungsmangel zu reduzieren. Ebenso ist Streßbewältigung angesagt. Hierzu läuft ein Modellprojekt an drei Lübecker Schulen in Zusammenarbeit mit unserer dänischen Nachbarge-meinde Storströmsamt. Dieses Modellprojekt wird über die EU finanziert und läuft über drei Jahre bis zum Jahr 2006. Schule wird immer mehr ein Ort für ein Angebot von sozialen Kontakten außerhalb des Lehrplanes.

Welchen Beitrag kann die Kommune zur Lösung des Problems leisten?

Die Hansestadt Lübeck hat sich des Problems der übergewichtigen Kinder seit 1995 angenommen in Zusammenarbeit mit der Universitätskinderklinik in Lübeck. Die Forderung der Spitzenverbände der gesetzlichen Krankenkassen, im Setting Schule auf kommunaler Ebene im Verbund mit Krankenkassen und Schulen Gesundheitsförderung für sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche anzubieten, wurde aufgegriffen und konsequent umgesetzt mit dem Projekt "Gesunde Schule" in Lübeck im Schuljahr 2003/2004 und in Fortsetzung mit dem Interregprogramm Gesundheit und Aktivität in Schulen bis zum Jahr 2006. Das Gesundheitsamt tritt hier als Koordinator auf kommunaler Ebene für gesundheitspolitische Fragen auf. Gesundheitsförderung in Schulen erfordert einen kompetenten und intakten kinder- und jugendärztlichen Dienst in der Kommune, wie er in Lübeck vorhanden ist.

ZUR PERSON

Dr. Hartmut Stöven ist Kinderarzt. Er ist seit 1988 im Gesundheitsamt tätig und dort Leiter des kinder- und jugend-ärztlichen Dienstes. Seit 1999 ist er Mitglied in der Arbeitsge-meinschaft Adipositas im Kindes- und Jugendalter.
Dr. Stöven leitet das Projekt "Gesundheit und Aktivität in Schulen".

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