Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 12. Mai 1998

Lübecks Schiff der Träume kehrt zurück

Am Sonnabend ist es soweit: Nach achteinhalb Monaten verläßt der Windjammer "Passat" die Flender-Werft

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Die letzten Tage an der Kaimauer der Flenderwerft: Am Sonnabend geht es los; Fotos: M. Erz

Vor mehr als zwanzig Jahren war in einem Hamburger Nachrichtenmagazin eine nette Geschichte zu lesen über die Eigenarten hanseatischen Handelssinnes: Die Hamburger, die viele Jahrzehnte nichts mit ihrem maritimen Großseglererbe zu tun haben wollten, benötigten zur Verschönerung ihres Hafens und Befriedigung der Seefahrersehnsucht ihrer Gäste plötzlich einen repräsentativen Windjammer. Doch oh Jammer, nirgends auf der Welt war noch ein geeignetes Schiff zu finden. Die Mehrzahl der einst stolzen Schiffe war längst abgewrackt worden, die übrigen in Händen von Leuten, die - weitsichtiger als die Kaufleute von der Elbe - die Wiederkehr der Seglerromantik früher vorausgesehen hatten.

Was dennoch zu haben war, entsprach nicht den Hamburgischen Ansprüchen, bis auf ein ganz bestimmtes Schiff: Die Viermastbark Passat, 1911 gebaut in Hamburg auf den Helgen von Blohm & Voss. Einziger Schönheitsfehler bei dem ehemaligen P-Liner: Das Schiff, das die Hamburger 1957 nicht einmal geschenkt haben wollten, gehörte inzwischen der benachbarten Hansestadt Lübeck, mit der man seit jeher eine gewisse Rivalität pflegte. Die hatte es zu einem Wahrzeichen ihres Ostseeheilbades Travemünde gemacht und bereits viel Geld in den ehemaligen Salpeter-, Zement- und Getreidetransporter gesteckt. Ob es dennoch möglich sei, die Passat als Museumsschiff und Zeugnis eigener Schiffsbaukunst für Hamburg zurückzukaufen, fragten die Hanseaten von der Elbe im Lübecker Rathaus an. "Dies halten wir durchaus für denkbar", so die Antwort, "sofern wir im Tausch euren Michel bekommen." (Michel= Kirchturm von St. Michaelis, das Wahrzeichen Hamburgs).

Unschätzbarer Wert

Ob diese Spiegel-Geschichte sich genauso zugetragen hat, weiß heute niemand mehr zu sagen. Aber: sie schildert trefflich den Wert, den die Passat für das Selbstbewußtsein der Lübecker hat: Undenkbar, daß der 115 Meter lange und 14,40 Meter breite Rahsegler noch einmal verkauft oder abgewrackt wird.

Dieser lübsche Stolz hat jedoch seinen Preis: Neben den Betriebs- und Unterhaltungskosten von jährlich 684 000 Mark, von denen 448 000 Mark(1996) wieder hereingeholt werden, war nach 32 Jahren im Brackwasser der Trave eine grundlegende Sanierung fällig. Der Rumpf, zusammengenietet aus bis zu 35 Millimeter starken Stahlplatten machte dabei noch die beste Figur. Dies stellten Taucher am 28. März 1996 fest, als sie mit Ultraschallmessungen im Eisgang das Unterwasserschiff untersuchten. Sie konnten die Befürchtung zerstreuen, daß die Passat unmittelbar vor dem Versinken stehe und Lübeck weltweite Schande einbringen werde. Denn dies war gegenüber dem Senat der Hansestadt, der aus Kostengründen eine Werftüberholung mehrmals verschoben hatten, immer wieder betont worden.

Auch wenn diese Tartarenmeldungen nicht zutrafen, so war eine Sanierung in einer Werft dennoch unumgänglich. Denn das Rigg, die Aufbauten des Schiffs, war durch die Herbst- und Winterstürme und die Salzluft der Ostsee stark angegriffen. Das Schreckensbild des Passat-Schwesterschiffes "Peking" vor Augen, das im Hafen von New York vor sich hin rostet und rottet, beschloß die Stadt im Juni 1997, eine Grundsanierung für rund 6,7 Millionen Mark (brutto) vornehmen zu lassen.

Jetzt wird gefeiert

Ob das Geld am Ende ausreicht, steht noch nicht fest. Die Abrechnung wird für Juni erwartet. Doch zunächst wird gefeiert: Am Sonnabend, 16. Mai, legt die Passat in der Flender-Werft ab und wird stromab gezogen in einem Festkonvoi bis zu ihrem neuen Liegeplatz.

Der befindet sich nur wenige Meter von dem alten entfernt vor dem Passat-Hafen, den die alte Dame vor Wellenschlag schützen soll. Doch diesmal wird alles anders: Dann zeigt Lübecks stolzes Schiff der Träume mit dem Bug nicht mehr ins Binnenland, sondern hinaus auf die See - so als würde sie bald wieder auf Fahrt gehen. Ganz ausschließen ist es nicht, daß sie es noch einmal tut. Aber: Dann würde sie nicht nur den Lübeckern sondern auch den vielen Besuchern aus Hamburg ganz schrecklich fehlen...

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