Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 25. April 2019

Ausgabe vom 12. Mai 1998

Messen mit zweierlei Maß

Zu "Heilung, Himmel auf Erden und Honig ums Maul, SZ vom 14. April

Obwohl ich Herrn Arents Anliegen verstehe, vor den Auswüchsen sogenannter Sekten zu warnen, möchte ich Partei für die neuen spirituellen Gruppen ergreifen und wende mich dagegen, sie in Bausch und Bogen abzulehnen.

Viele Elemente dieser Gruppen dürfen nicht nur als etwas Negatives betrachtet werden, zum Beispiel

-das Infragestellen des bisherigen Lebensweges

-die Fragen "Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich?"

-die Hinwendung zu einer inneren, religiösen Erfahrung

-die Suche nach einem umfassenderen Weltbild

-Abwendung von einer zu materialistischen Weltsicht

-Hinwendung zu einer bewußteren und gesünderen Lebensgestaltung.

Diese Elemente können durchaus als Bereicherung für unsere Gesellschaft angesehen werden.

Ich hoffe, daß diejenigen, die einen dieser Wege gehen, ihren eigenen selbstgemachten Erfahrungen vertrauen und sich nicht verunsichern lassen.

Mir mißfällt, daß verschiedene spirituelle Bewegungen immer wieder von offizieller Seite mißkreditiert werden, und man dabei mit zweierlei Maß mißt.

In einer Welt, die mehr und mehr zusammenwächst, müssen wir die Fähigkeit stärken, trotz der bestehenden Unterschiede der Menschen unserer Gesellschaft, Gemeinsamkeiten und Verbindendes zu erkennen. Viele Wege führen bekanntlich zum Ziel.

Es ist nicht einfach, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen, über die eigene Partei, die eigene Religions- oder Gruppenzugehörigkeit und uns als Menschen zu begegnen. Wir neigen zu Schubladendenken, Lagermentalität, Schwarzweißdenken und Ausgrenzung.

Obwohl mich persönlich Transzendentale Meditation fasziniert, habe ich die Gelegenheit nie gescheut, verschiedene spirituelle beziehungsweise christliche Gruppierungen kennenzulernen, und bin teilweise tief beeindruckt von der Ernsthaftigkeit und Glaubwürdigkeit. Es soll mir nicht einfallen, diese Gruppen pauschal zu mißkreditieren, obwohl es sicherlich auch Auswüchse gibt.

Dr. Michael Matthis, Lübeck

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