Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 18. Juli 2019

Ausgabe vom 12. Oktober 2004

"Lisa fährt sich wie ein Auto"

Kraweel besteht erste technische Tests ohne Probleme - Jungfernfahrt im Frühjahr 2005

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Volle Fahrt voraus!³ hieß es im September zum ersten Mal für den historischen Schiffsnachbau. Auf 8,5 Knoten rund 16 Stundenkilometer beschleunigt der 6-Zylinder-Volvo-Diesel mit seinen 347 PS die Lisa von Lübeck³.; Foto oben: polypress, Fotos (5): R. Bartsch

"Ich habe keine Beanstandungen", urteilte Gutachter Jan Fock nach der ersten technischen Probefahrt der Kraweel "Lisa von Lübeck" Ende September. Der Chairman of the Safety Council und Appointed Surveyor für Traditional Vessels der European Maritime Heritage sowie der für die Dokumentation verantwortliche Wolfgang Scheel, Principal Surveyor bei Lloyd's Register of Shipping, gehören zu den wichtigsten Männern an Bord, wenn der historische Nachbau auf Probefahrt auf der Trave und in der Lübecker Bucht geht. Sie gehören der Gemeinsamen Kommission für historische Wasserfahrzeuge e. V. an, einer vom Bundesverkehrsministerium nach den Richtlinien der Schiffssicherheitsverordnung eingesetzten Kommission, die der Seeberufsgenossenschaft gegenüber gutachterlich im Rahmen eines Sicherheitszeugnisses zur Erteilung der Fahrerlaubnis Stellung bezieht. Eine Einrichtung die eintritt, weil eine Klassifizierung von Traditionsschiffen wie bei modernen Schiffen nicht möglich ist. Letztendlich hängt von ihrem Gutachten ab, ob die Genehmigungsbehörde die Fahrerlaubnis für das Hanseschiff erteilt.

Punkt 10 Uhr hatte die lokale Lübecker Seglerlegende Charly Brüser die Schiffsglocke geschlagen - das Zeichen zum Start für die erste der bisher vier genehmigten technischen Probefahrten. Rund fünf Jahre - von der Planung bis zur Fertigstellung der Kraweel - hat es gedauert, bis jetzt zum ersten Mal das Manövrierverhalten, die Sicherheit an Bord und die Maschine getestet werden konnten. Oft war das ehrgeizige Projekt der Gesellschaft Weltkulturgut Lübeck, einen historischen Schiffsnachbau als "Botschafter" für die Hansestadt zu bauen, angezweifelt worden. Doch Dank großzügiger Spenden von Lisa Dräger, der Possehl-Stiftung und vielen anderen sowie unendlich vielen ehrenamtlich geleisteter Arbeitsstunden und der Unterstützung durch die Stadt und das Arbeitsamt konnte die Kraweel, das typische Hanseschiff des 15. Jahrhunderts, gebaut werden.

An Bord bei dieser mit Spannung erwarteten ersten Fahrt der "Lisa von Dräger" waren gemäß uralter Seemannstradition nur Männer. Gebannt warteten die knapp 60 Handwerker, Helfer und Mitarbeiter von Firmen auf die ersten Schiffsbewegungen. Doch schnell waren alle Zweifel ausgeräumt: "Das ist schon ein großer Tag! Die Lisa fährt sich wie ein Auto - unglaublich!" strahlte Stefan Müller, Vorsitzender der Gesellschaft, nicht ohne Stolz. Damit habe bei allen Erwartungen wirklich niemand gerechnet! "Wir haben einen tollen Rumpf bekommen. Das Ruder wirkt exakt. Das Schiff ist perfekt gelungen!"

Vorbei an Burgtor, dem alten Fischerdorf Gothmund und durch die extra für die Kraweel geöffnete Herrenbrücke ging die Fahrt des rund 35 Meter langen Holzschiffes nach Travemünde. Nach einer kurzen Pause am Ostpreußenkai im Ostseeheilbad wurde in der Travemünder Bucht unter anderem der Wendekreis des Schiffes und die Stoppstrecke bei Vollgas getestet. Bei der zweiten Testfahrt vergangenen Freitag, wurde in der Siechenbucht der Kompaß kompensiert.

Die offizielle Jungfernfahrt, dann auch unter Segeln, soll im Frühjahr 2005 stattfinden.

Chronik

1. April 1999: Die Arbeiten auf der Hanseschiff-Werft beginnen.

31. Juli 1999: Kiellegung auf dem Werftgelände der nördlichen Wallhalbinsel. Die Stadt stellt das fast 2.500 Quadratmeter große Gelände sowie 1.000 Quadratmeter Fläche im Schuppen D kostenlos zur Verfügung.

17./18. Juni 2000: Zum 100jährigen Bestehen des Elbe-Lübeck-Kanals informieren sich Tausende Besucher über das Hanseschiff.

29. September 2002: Der 24 Meter hohe Großmast wird gesetzt, für die Takelage wird Maß genommen.

1. November 2002: Der Großmast wird wieder gezogen, im Winter sollen Mastkorb und Beschläge montiert werden. Die Rumpfbeplankung ist fast abgeschlossen, die mühsame Arbeit des Kalfatens (geteerter Hanf wird zum Abdichten in die Fugen geschlagen) kann beginnen.

31. Januar 2003: Die letzte Außenhautplanke (sechs Meter lange, acht Zentimeter dicke und 17 Zentimeter breite Eichenholzbohle) wird mit 22 daumendicken Stahlnägeln an den elf Spanten der Rumpfkonstruktion angenagelt. Aneinandergereiht ergeben die Planken eine Länge von rund 1.200 Metern, mit Deckplanken und Kastellanbeplankung werden 4.170 Meter Holzplanken verbaut - das ist einmal der Weg um die Lübecker Altstadt.

31. März 2003: Die Fördermittel für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) entfallen, die Crew wird deutlich reduziert.

8. Mai 2003: Der knapp 1,5 Tonnen schwere Sechszylinder-Schiffsdiesel wird mit einem Kran in das Hanseschiff gehoben. Die Maschine soll bei Flaute oder in engen Gewässern für den Antrieb der "Lisa von Lübeck" sorgen.

27. März 2004: Mehr als 10 000 Besucher verfolgen den Stapelhub des rund 150 Tonnen schweren Holzschiffes

Kosten des Nachbaues:

Rund 1,7 Millionen Euro.

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