Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 03. Mai 2005

Wider das Vergessen

Vor 60 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende - Ein Portrait

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So sieht Gerhard Kühnemunds Ideologie aus: Gräber gefallener Soldaten zwecks Namen und Daten der Lage ausfindig zu machen und die Angehörigen zu informieren. Hier er an einem Grab auf Kreta, 2004.

Am 8. Mai 1945, um 23.01 Uhr, endete der Zweite Weltkrieg in Europa, in Asien am 2. September um 9.25 Uhr. Noch immer sind die Narben nicht verblasst, sie sind sichtbar, deutschland- und auch weltweit. Er ist ein Thema, das stets hochbrisant und aktuell ist. Gerade für uns Deutsche. "Ein Volk muss bereit sein, nüchtern auf seine Geschichte zu blicken. Denn nur wer sich daran erinnert, was gestern gewesen ist, erkennt auch, was heute ist und vermag zu überschauen, was morgen sein kann", sagte Willy Brandt.

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939 um 4.45 Uhr. Er dauerte sechs Jahre und einen Tag. Das sind 52.641 Stunden. Durch den Krieg verloren in jeder Stunde 1.045 Menschen ihr Leben, in jeder Minute 17. Insgesamt waren es 55 Millionen Opfer*. Eine unvorstellbare Zahl, die zum Frieden mahnt.

Einer, der sich in bemerkenswerter Weise für die Angehörigen der Gefallenen einsetzt, ist Gerhard Kühnemund. Der 74-jährige gebürtige Leipziger entwickelte seine Passion als 14-jähriger: Damals wollte er seinen Bruder besuchen, der in der Nähe Dresdens wohnte. "Doch er war auf Grund der gefährlichen Umstände schon weg, so besuchte ich meine Tante in Dresden und erlebte dort das grausame Bombeninferno hautnah". Mit viel Glück kam er heil davon - wie alle aus seiner Familie den Krieg überlebten. "Doch in dieser Nacht schwor ich mir, etwas für die Menschen zu tun, sobald der Krieg vorbei ist", so Kühnemund.

Seinen Schwur machte der gelernte Schweizer Degen, die frühere Berufsbezeichnung für Setzer und Drucker, wahr. Er kümmert sich um die "vergessenen Toten". "1966 besuchte ich mit meiner Frau Ingrid einen Soldatenfriedhof in Südtirol. Hier war die Hälfte der Gräber geschmückt, die andere Hälfte schien vergessen". Es waren die Gräber toter Soldaten, deren Angehörige in der ehemaligen DDR wohnten. "Diese Menschen konnten nicht reisen, und ihre toten Ehemänner, Väter oder Söhne ausfindig machen", so der Pensionär, der nach seinem erlernten Beruf Straßenbahnfahrer bei den Stadtwerken Lübeck, dann Busfahrer und später Verkehrsmeister war. Darum machte es sich Kühnemund zur Lebensaufgabe, ihnen zu helfen und ließ sich von der Kriegsgräberkartei in Kassel Namen und Lage Gefallener aus der DDR schicken, um sie ausfindig zu machen.

In den ganzen Jahren schrieb Kühnemund über 1.300 Familien an, nach der Wende auch in den alten Bundesländern, schickte ihnen ein Foto mit dem geschmückten Grab des Angehörigen. Retour kamen großartige Briefe der Familien. "Ein ganz großer Dank geht an meine Frau, die mich in all den Jahren unterstützt hat", erzählt der unermüdliche Idealist, der sich momentan nebst Gattin auf Kreta befindet, um wie in jedem Jahr dort Kriegsgräber zu (be)suchen. Neben Kreta fährt er regelmäßig nach Tunesien und an den Gardasee.

Als "humanitären Liebesdienst" bezeichnet Kühnemund seine Lebensaufgabe, für die er nie Geld bekam und auch nicht wollte. Im Jahr 1976 wurde er dafür vom damaligen Bundespräsidenten Walter Scheel mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. msn

*Quelle: VDK

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