Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 21. Juli 2019

Ausgabe vom 03. Mai 2005

Briefe an die SZ-Redaktion

Zum Artikel vom 19. April 2005, Ausgabe Nr. 375:Vertrag im "Himmel über Lübeck"

Wer lesen kann, ist klar im Vorteil. Was versprechen Ryanair und Infratil wirklich? Nicht allzuviel, geht man nach den Pressemitteilungen beider Unternehmen, die für jedermann im Internet einzusehen sind. Die Interpretationen derselben durch Lübecker Lokalpolitiker sind eher dem Genuss von etwas zuviel Champagner oder mangelnden Englischkenntnissen zuzuschreiben, als dass sie sich an den bekanntgegebenen Fakten orientierten.

Infratil kauft also 90Prozent der Flughafen Lübeck GmbH für 13 Millionen Euro und übernimmt rückwirkend alle Schulden ab 1.1.2005. Wer den gigantischen Schuldenberg abtragen darf, der in den Jahrzehnten zuvor durch parteiübergreifendes (die Grünen ausgenommen) Mismanagement angehäuft wurde, ist klar: der Steuerzahler. De facto kriegt Infratil den Flugplatz geschenkt - was nicht anders zu erwarten war. Im übrigen hat die Firma eine Option auf die restlichen 10 Prozent, die am 31.3.2009 fällig wird.

Etwas Gutes hat der Deal zweifellos: Infratil ist ein börsennotiertes, mithin veröffentlichungspflichtiges Unternehmen. Erstmals in der Geschichte des Lübecker Flugplatzes liegen somit ungeschönte Zahlen auf dem Tisch. Vergessen ist das frühere Gerede von Flughafenboss Dr. Steppe, man würde im "operativen Bereich" keine Verluste einfahren. In Wirklichkeit betrugen sie 1,5 Millionen Euro im Jahr 2003, und 1,4 Millionen Euro im Jahr 2004 - und das trotz Steigerungen bei den Fluggastzahlen. Der Gesamtverlust lag bei 3,5 Millionen Euro in beiden Jahren, und für 2005 wird laut Infratil auch keine Besserung erwartet.

Aus den von Infratil veröffentlichten Zahlen geht hervor, dass von einem Jahr zum anderen (2003 auf 2004) Bankdarlehen in Höhe von 16,6 Millionen Euro getilgt wurden - also weit mehr als der Infratil-Kaufpreis von 13 Millionen Euro. Dadurch haben sich die Gesamtschulden des Flughafens halbiert, und er kann jetzt sogar mit einem Reinvermögen ("net assets") von 15,5 Millionen Euro in 2004 prahlen, nachdem noch ein Jahr zuvor dort eine glatte Null stand. Hat da etwa jemand die Braut für diese "himmlische Hochzeit" künstlich etwas hübscher gemacht, und vor allem: auf wessen Kosten?

Wer hat sich nun zu was verpflichtet? Infratil zu Investitionen von 30 Millionen Euro, und zwar für die Verlängerung der Startbahn (die alleine 10 Millionen kosten soll) und für Infrastrukturmaßnahmen inklusive eines Terminal-Neubaus.

Dann war da noch die Trumpfkarte: Arbeitsplätze. In Lübeck? Ryanair sagt in ihrer Pressemitteilung ganz klar, dass man erwarte (aber keineswegs garantiere), 200 Arbeitsplätze zu schaffen - nicht unbedingt in Lübeck, sondern in der Firma, und erwähnt ausdrücklich Piloten, Ingenieure und Kabinenpersonal. Eine wahrhaft effektive Arbeitsförderungsmaßnahme angesichts der vielen arbeitslosen Flugzeugpiloten und -ingenieure in Lübeck.

Die Schätzung von insgesamt 2.000 neuen Arbeitsplätzen in der Region schreibt Ryanair ohne weitere Erklärung einer Organisation namens AIC zu. Dabei handelt es sich vermutlich um das britische Airport Intelligence Centre. Kontinentaleuropäer können diese Zahlen nicht überprüfen, die AIC-Website ist ausschließlich britischen Staatsangehörigen bzw. Firmen zugängig. Es handelt sich nämlich nicht um ein unabhängiges Institut, sondern um eine britische Exportförderungseinrichtung für den Luftfahrtbereich.

Wie war das doch vor ein paar Jahren, als Ryanair schon mal ein "Drehkreuz" in Lübeck einrichten wollte? Mit Infratil als neuem Flughafeneigner klappt die Sache ganz plötzlich ohne Beihilfen? Ein verfrühtes Pfingstwunder.

Was uns bevorsteht, ist absehbar. Infratil und Ryanair werden früher oder später - Dräger lässt grüßen - in Stadt und Land vorstellig werden und die Schließung des Flugplatzes androhen, sollte man den Forderungen der beiden Firmen nach weiteren Subventionen und billigen bzw. kostenlosen Flächen (vor allem nördlich der Blankenseer Straße) nicht nachkommen. Noch nicht einmal das Amen in der Kirche ist so sicher.

Peter Klanowski

Söllbrock 21

23560 Lübeck

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