Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. Juli 2019

Ausgabe vom 09. August 2005

In die Liste großer Namen eingereiht

"Geschichtenerzähler der Deutschen" erhält elften Thomas-Mann-Preis

3910204.jpg
Vor ihm erhielten nahmhafte Schriftsteller wie Siegfried Lenz, Günter Grass oder auch die Literaturkritiker Peter de Mendelssohn und Marcel Reich-Ranicki den Thomas-Mann-Preis. Nun wurde die Auszeichung Walter Kempowki zuteil, berreicht durch Bernd Saxe.; Foto: M. S. Niemann

Bescheiden, etwas kamerascheu und doch humorvoll - so präsentierte sich Walter Kempowski, elfter und jüngster Thomas-Mann-Preisträger, dem Publikum im bis auf den letzten Stuhl besetzten Scharbausaal in der Stadtbibliothek. Im feierlichen Rahmen überreichte am vergangenen Sonntag Bürgermeister Bernd Saxe dem gebürtigen Rostocker die Urkunde und den Scheck. Der Preis, 1975 zum 100. Todestag von Thomas Mann gestiftet, ist mit 10.000 Euro dotiert.

In der Begründung der Jury, Kempowksi mit dem Thomas-Mann-Preis zu ehren, heißt es: "Mit seinen Romanen, seinen autobiographischen Werken und der einigartigen Collage ,Das Echolot' hat Kempowski die Geschichte der deutschen Bürgerlickeit in ironischer Brechung und mit unterhaltsamer Eleganz erzählt, und er hat von seinem Erstling ,Im Block' bis zum ,Echolot' auch den in ihrem Leid Verstummten wieder eine Stimme gegeben. Als ironischer Bürger, als detailbesessener Beobachter und als gewissenhafter Zeit-Schriftsteller steht er in der Tradition Thomas Manns".

Bernd Saxe sagte in seinem Grußwort zu Walter Kempowski: "Der Preis ist ein schöner Auftakt für die Thomas-Mann-Woche. Große deutsche Namen der Nachkriegsliteratur sind bereits Träger dessen, Sie sind ein würdiges Mitglied in dieser ,Community'". Auch sei die große Resonanz auf die Verleihung ein Zeichen der allgemeinen Zustimmung zu der Wahl der Jury.

Professor Dr. Jörg Drews, Bielefelder Literaturwissenschaftler, stellte seine Laudatio unte r das Thema "Verantwortung in fiktiver Form". Anhand eines zusammenfassenden Abrisses des Werkes von Walter Kempowski verdeutlichte er lebensgeschichtliche Zäsuren und Wegmarken. Drews thematisierte die Erfahrung Kempowskis durch dessen Bautzener Gefängnisaufenthalten von 1948 bis 1956 und dem damit verbundenen engen Zusammenhang mit dem Umgang des Erbes des Nationalsozialismus. "Walter Kempowski musste den Verlust der Familienganzheit und der Heimat durch den Krieg hinnehmen. Durch das, was seiner Familie widerfuhr, entwickelte er ein Schuldgefühl, was ihn zu rastlosem wie getriebenem Schreiben bewegte - eine Kompensation und Restitution des Verschuldeten und Verlorenen", so Drews.

Kempowski, 1929 geboren, bedankte sich für die große Ehre, den Thomas-Mann-Preis zum 50. Todestag des Nobelpreisträgers, "des von mir nicht nur verehrten, sondern sogar fast verwandschaftlich ,geliebten' Dichters" zu erhalten. Für ihn stehe es außer Frage, den Preis anzunehmen. "Auch die Reise nach Lübeck, der Heimatstadt meiner Eltern, weckt Erinnerungen. Sie begannen in der Kronsforder Allee ihren gemeinsamen Lebensweg". Nach der Preisverleihung trug Kempowski sich in das Goldene Buch der Hansestadt Lübeck ein.

Walter Kempowski wurde bekannt durch Romane wie "Tadellöser & Wolff" (1971 - verfilmt 1975), "Aus großer Zeit" (1978) und "Herzlich Willkommen" (1984). Mit diesem Werk wird Walter Kempowski zum Chronisten des deutschen Bürgertums. Seine Montagetechnik perfektioniert Kempowski in dem monumentalen Werk Echolot (1993, 1999, 2002, 2005), einem kollektiven Kriegstagebuch, bestehend aus einer Collage von Soldatenbriefen, Aufzeichnungen von Zivilisten und Beobachtungen von Künstlern.

Die Thomas-Mann-Festwoche endet am 13. August. Höhepunkt dieses Tages wird der Besuch von Bundespräsident Horst Köhler sowie Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki sein. msn

Zurück zur Übersicht

 
Jetzt Werbung schalten auf www.luebeck.de