Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 09. Juni 1998

Delikater "Reigen"

Schnitzler-Premiere in den Kammerspielen

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Ein Originalprogramm des Lübecker Volks- und Erinnerungsfestes aus dem Jahr 1898 übergab Bürgerschaftsmitglied Ulrich Pluschkell (re.) kürzlich an Kultursenator Ulrich Meyenborg. Neben diesem Jubiläumsprogramm - man feierte 1898 das Fest zum 50. Mal - hatte Pluschkell noch weitere Festunterlagen zufällig gefunden und aufbewahrt; Foto: T. Wewer

Das Theater Lübeck wagt sich an etwas Delikates - an den "Reigen" von Arthur Schnitzler (1862-1931). Vor hundert Jahren schrieb der Wiener Autor sein Werk, doch erst 1920 wurden die zehn Dialoge in Berlin uraufgeführt - und wegen Obszönität umgehend verboten. Schnitzler zog nach einem Sensationsprozeß sein Werk zurück. Erst nach der Verfilmung durch Max Ophüls (1950) wurde der "Reigen" wieder bekannt und nach Ablauf der Sperrfrist (1982) auf der Bühne heimisch.

Angewandte Liebe

Die wilden 20er Jahre waren noch nicht ausgebrochen, denn sonst hätte die Szenenfolge nach ihrer Uraufführung sofort reüssiert. Die Kritik damals fand ja gar nichts Anstößiges daran, und der gefürchtete Alfred Kerr schrieb:

"Reigen heißt hier Liebesreigen. Und Liebe heißt hier nicht platonische, sondern . . . Also: angewandte Liebe. Sie wird angewandt ohne Gröbliches, Lüsternes, Schmieriges zwischen zehn Menschenpaaren. Und zwischen allen Gesellschaftsklassen.

Stets das Hinübergreifen von einer Schicht zur anderen. Folgendermaßen:Dirne, Soldat. Soldat, Stubenmädel. Stubenmädel, junger Herr. Junger Herr, junge Frau. Junge Frau, ihr Mann. Ihr Mann, süßes Mädel. Süßes Mädel, Poet. Poet, Schauspielerin. Schauspielerin, Graf. Graf, Dirne - damit ist der Reigen geschlossen." Kerr spricht von einem launigen Stück, von der "seelischen Tragikomik des körperlichen Erlebnisses", die Schnitzler hier eingefangen hat.

Diese vielfältigen Facetten sichtbar zu machen und die schwebeleichten Zwischentöne einzufangen sind Herausforderungen an jeden Regisseur. In diesem Fall eine Frau: Jacqueline Kornmüller, Jahrgang 1961, ist die Gastregisseurin, die diesen Liebesreigen aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Lübeck auf die Bühne bringt.

Kornmüller stammt aus Oberbayern, studierte an der renommierten Folkwangschule in Essen und wirkt seit acht Jahren als Schauspielerin sowie Regisseurin am Kölner Schauspielhaus.

Zehn Rollen

In der letzten Sprechtheater-Premiere dieser Saison - Bühnenbild und Kostüme: Florian Parbs - am Freitag, 12. Juni, um 19.30 Uhr in den Kammerspielen verkörpern die zehn Rollen:Miriam Gruden, Katrin Grumeth, Anke Schüler, Hannelore Telloke, Saskia von Winterfeldt, Jan Peter Heyne, Dietrich von Oertzen, Christoph Michael Schüchner, Christian Schulz und Sven Simon.

Die öffentliche Generalprobe ist am Donnerstag, 11. Juni, um 19 Uhr - mit einem begrenzten Kartenkontingent. Der Eintrittspreis beträgt fünf Mark. Der "Reigen" wird in die nächste Spielzeit übernommen.Güz

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