Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 11. Dezember 2018

Ausgabe vom 17. Januar 2006

Anschlag bleibt unvergessen

Todesnacht in der Hafenstraße jährt sich zum zehnten Mal

Unvergessen bleibt der Brandanschlag auf das Flüchtlingsheim in der Hafenstraße 52 in der Nacht vom 17. zum 18. Januar 1996. Was damals weltweit für Empörung und Schrecken sorgte, begeht nun ein fragwürdiges Jubiläum. In der besagten Nacht kamen in dem Haus zehn Menschen, unter ihnen sechs Kinder, ums Leben, 38 Menschen erlitten Verletzungen. Der oder die Täter, die für den Anschlag waren, wurden nie gefasst.

Der Tat verdächtigt wurde zunächst der junge Libanese Safwan Eid. Er soll in der Nacht den Satz "Wir waren's" gesagt haben. Eid wurde vom Lübecker Jugendgericht aus Mangel an Beweisen frei gesprochen. "Richtige" Verdachtsmomente gab es gegen Jugendliche aus dem mecklenburgischen Grevesmühlen, bei denen noch in der Tatnacht durch eine Kontrolle der Polizeistreife frische Brandspuren festgestellt wurden. Verurteilt wurden diese Personen jedoch nie.

So ist einer der schrecklichsten Übergriffe auf ein Asylbewerberheim bis heute ungeklärt. Ein Zustand, der für die Mitarbeiter des Lübecker Flüchtlingsforum untragbar ist. Sie wollen in dieser Woche mit vielen Aktionen an den Brandanschlag erinnern. "Noch heute leiden die Überlebenden physisch und psychisch an den Folgen der Verletzungen", erklärt Maria Brinkmann vom Forum. Einer, der heute noch leidet, ist der 35-jährige Victor Atoe. Seine Geschichte ist eine traurige, von unglücklichen Umständen bestimmt. Der Nigerianer kam 1991 nach Deutschland, hielt sich der Asylbewerber in Eutin auf. In der Nacht zum 18. Januar 1996 besuchte er einen Freund in der Hafenstraße und übernachtete dort.

Von den Flammen aufgeschreckt, konnte sich Atoe durch einen Sprung aus dem Fenster retten, bei dem er sich ein gebrochenes Sprunggelenk zuzog, das bei der anschließend medizinischen Versorgung genagelt werden musste. Im Februar `96 erhielt der junge Mann einen negativen Asylfolgebescheid - er wurde im Mai `96 nach Nigeria abgeschoben, noch mit einem Marknagel im Bein.

1999 reiste er wieder nach Deutschland ein, beantragte die Wiederaufnahme des Asylverfahrens. In der Zwischenzeit erhielten die Überlebenden des Brandanschlags durch die Anordnung nach Paragraph 32 des Ausländergesetz ein unbeschränktes Bleiberecht, auf das Atoe nun berechtigt hoffte. Doch er hofft bis heute noch. "Seit einigen Wochen hängt Victor Atoe förmlich in der Schwebe", sagt Heike Behrens, Mitarbeiterin im Flüchtlingsforum verständnislos. "Er hat von der Eutiner Behörde weder einen positiven noch negativen Bescheid". Auch zwei ärztliche Gutachten, in denen ausdrücklich ein Bleiberecht und eine Langzeittherapie für den Nigerianer empfohlen wurde, seien unberücksicht geblieben. Jetzt liegt der Ausländerbehörde Eutin ein Antrag auf Verlängerung der Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen vor.

Momentan halten sich noch zirka 30 Überlebende des Brandanschlags in Lübeck auf.

Aktionen zum Gedenken
an den Brandanschlag:

Am heutigen Dienstag, 17. Januar, 18.30 Uhr: ökumenischer Gedenkgottesdienst in der Jacobikirche; 20 Uhr: Podiumsveranstaltung mit Vertreterin des Flüchtlingsforums, dem ehemaligen Bürgermeister Lübecks Boutellier und Bacar Gadji, Unterstützer der betroffenen Flüchtlinge "Hafenstraße - 10 Jahre danach. Betroffenheit ohne Konsequenzen?" im Otto-Passarge-Saal, Große Burgstraße 51.

Am 18. Januar findet eine Gedenkfeier um 15 Uhr in der Hafenstraße am Gedenkstein statt. Am 19. Januar wird der Film von Lotti Marsau "Tot in Lübeck" um 18.45 Uhr im Kino "Zwei50" gezeigt. Der Film gibt Lichtblicke in das Dunkel der Verschleierungen rund um den Brandanschlag und ruft zum Handeln auf.

Die Podiumsveranstaltung "Hafenstraße - 10 Jahre danach, Justizskandal ohne Ende?" mit der Rechtsanwältin Gaby Heinecke gibt es am 20. Januar um 19 Uhr in der Diele, Mengstraße 41.msn

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