Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 23. April 2019

Ausgabe vom 23. Mai 2006

Beispiehafte Integrationsarbeit geehrt

Günter Grass verlieh Pankok-Preis an Sinti-Mediatorinnen-Modell

Günter Grass verlieh vergangenen Montag den Otto-Pankok-Preis 2006 im Bürgerschaftssaal der Hansestadt Lübeck an das Kieler Sinti-Mediatorinnen-Modell. An der Feierstunde nahmen auf Einladung der "Stiftung zugunsten des Romavolks" der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, der Ministerpräsident der Landes Rheinland-Pfalz, Kurt Beck, der kurz zuvor in Berlin zum SPD-Vorsitzende gewählt wurde, sowie - erstmals - der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma in Deutschland, Romani Rose, teil.

Mit 10.000 Euro dotiert

Dem Kieler Sinti-Mediatorinnen-Modell wurde der mit 10.000 Euro dotierte Preis der 1997 von Günter Grass gegründeten Stiftung in Würdigung ihrer beispielhaften Integrationsarbeit für Sinti-Kinder an Kieler Schulen zuerkannt. Das Modell entstand vor elf Jahren als Initiative dreier Kieler Sinteze, die es nicht hinnehmen wollten, dass ihren Kindern aufgrund ihrer Herkunft Bildungschancen verwehrt blieben. Die Mütter stellten sich auf dem Hof der Matthias-Claudius-Schulen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung: für ihre und andere Kinder, für Eltern und Lehrer. Sie wuchsen so in die Rolle kompetenter und geschätzter Mediatorinnen und Nachhilfelehrerinnen hinein. Andere Frauen haben sich dem Projekt angeschlossen, so dass die erfolgreiche Arbeit auch auf andere Schulen, die Andreas-Gayck-Schule, die Grundschule Wellsee und das Schulzentrum Raisdorf, ausgedehnt werden konnte.

Aufmerksamkeit erregt

Mit ihrer Schulhof-Initiative haben die Sinti-Frauen auch die Aufmerksamkeit des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums geweckt: 1997 hat es ihnen einen Projektkoordinator an die Seite gestellt. Die Preisträgerinnen Sybille Broschinski, Wanda Kreutz, Regina Kreuzer, Ella Leinweber und Monika Weiß sowie die Projektkoordinatoren Wulf Steuer und Ute Weidt nahmen während derPreisverleihung die Urkunde von Günter Grass entgegen. Der Vorsitzende des Landesverbandes der Sinti und Roma in Schleswig-Holstein, Matthäus Weiß, dankte ihnen für ihre geleistete Arbeit in ihrer eigenen Sprache - auf Romanes.

Melanie Spitta gedacht

In seiner Begrüßung gedachte Bürgermeister Bernd Saxe der ersten Preisträgerin von 1999, Melanie Spitta, die im vergangen Jahr verstarb. Melanie Spitta war seit ihrer Auszeichnung selbst als Vorstandsmitglied für die Stiftung aktiv. Vergangenen Montag wurde Kultursenatorin Annette Borns in den Vorstand gewählt. Weiterhin erinnerte Saxe an die erste Massendeportation von Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten in Norddeutschland am 16. Mai 1940 und verwies auf die Gedenkveranstaltung, mit der in Lübeck am morgigen Tag dieses Datums gedacht wird.

Die stellvertretende Vorsitzende der Stiftung, Dr. Ada Kadelbach, würdigte in der Feierstunde außerdem die integrative Jugendarbeit der Evangelisch-lutherischen Michaelis-Kirchengemeinde in Kiel-Hassee. Konfirmanden und Konfirmierte der Gemeinde haben im vergangenen Jahr das Musical "Gipsy-Style" erarbeitet und mit großem Erfolg aufgeführt. Entstanden ist ein bewegendes Stück über den erfolgreichen Versuch, Unverständnis und Sprachlosigkeit zu überwinden. Die Produktion soll schriftlich und auf Bildträgern dokumentiert und damit auch anderen Gemeinden, Schulen und Vereinen als Anregung bereitgestellt werden. Für dieses Vorhaben stellt die Stiftung der Kirchengemeinde 5000 Euro zur Verfügung. Die Jugendlichen bedankten sich mit der Präsentation eindrucksvoller Szenen und Songs aus ihrem Musical.

Hintergrund: Zweck der 1997 in Lübeck gegründeten Stiftung ist es, "das Verständnis für die Eigenarten des Romavolks zu fördern und über seine kulturelle und soziale Lage in Geschichte und Gegenwart aufzuklären" sowie zu Toleranz beizutragen. Gefördert werden journalistische, wissenschaftliche, sozialpolitische und künstlerische Arbeiten, deren Anlass und Thema das Romavolk ist, insbesondere die Sinti und Roma in Deutschland. Von 1948 bis 1952 war Pankok Lehrer von Günter Grass an der Kunstakademie Düsseldorf.

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