Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 19. April 2019

Ausgabe vom 20. März 2007

Wie Archivschätze im Osten verschwanden

...und doch wieder nach Lübeck zurückkehrten - Odyssee der wertvollen Bestände

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse.

Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland.

http://www.archiv.luebeck.de.

Lübeck im März 1987

Im März und im April 1987 stand mehrmals ein riesiger Lastwagen mit Anhänger vor dem Archiv der Hansestadt Lübeck im Mühlendamm. Das DDR-Autokennzeichen sowie die vielen geheimnisvollen Pakete und Kartons, die entladen wurden, weckten zwar auch das Interesse der Vorübergehenden, für die Archivbediensteten war es jedoch ein langersehnter, außerordentlicher Augenblick: Nach fast 50-Jährigem Exil kehrten umfangreiche Archivalienbestände nach langen mühsamen hochpolitischen Verhandlungen an die Trave zurück.

Im Jahr 1942

Der Zweite Weltkrieg tobt, die Alliierten erproben an der Hansestadt Lübeck ihren ersten Zermürbungsangriff auf die Zivilbevölkerung einer historischen Stadt - ein wohlberechneter Schlag! Die historischen Quellen Lübecks müssen nun aus der Gefahrenzone entfernt werden. Sechs Eisenbahnwagenwaggons transportieren das einmalige und unersetzliche Archivgut mit den allein 20.000 Stück umfassenden mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Urkunden sowie zahlreichen Paketen der zentralen Senatsüberlieferung (seit ca. 1450) und der einzelnen Behörden (seit mindestens 1600) in ein Salzbergwerk in Sachsen-Anhalt. Technisch erwies sich der Unterbringungsort, da trocken und gegen unrechtmäßigen Zugriff gesichert, nach menschlichem Ermessen als ideal. Aber das Schicksal hatte es anders bestimmt.

Die historischen Quellen auf immer verschollen?

Im Januar 1946 wurden die Bestände aus dem Salzwerkberg von der sowjetischen Besatzungsmacht nach Ost-Berlin und von dort aus mit unbekannten Ziel nach Osten abtransportiert. Erst 1951 sprach sich in Archivkreisen herum, dass Archivbestände von der Sowjetunion an die inzwischen errichtete Archivverwaltung der DDR übertragen worden wären.

Gerettet, aber unerreichbar

Die Möglichkeit einer Rückführung - sogar Möbelwagen waren schon bestellt - erschien aber nur Archivaren einfach. Die Archivalien, zu denen auch Bestände Bremens und Hamburgs sowie der Stadtbibliothek Lübeck gehörten, wurden zum politischen Kompensationsobjekt, und Politik hat Archiven noch nie gut getan. Die Eingliederung der Lübecker Archivalien in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz auf westdeutscher Seite und andererseits die Bedingung der DDR auf Anerkennung ihrer Eigenstaatlichkeit machten jede effektvolle Verhandlung unmöglich.

Die Rückkehr

Erst 1980 im Rahmen des Grundlagenvertrags, in dem neben dem Austausch auf kulturellem und sportlichem Gebiet auch archivische Fragen angeschnitten wurden, brachte wieder Bewegung in die Sache. Aber dennoch dauerte es bis 1987, ehe der berühmte Reichsfreiheitsbrief von 1226 und andere - von europäischen Herrschern ausgestellte - Urkunden sowie der Großteil der Akten zurückkehrten, dabei auch Stadtbibliotheksbestände. Es handelte sich um rund ein Viertel der Urkunden und um insgesamt 192 Kubikmeter Aktenmaterial mit einem Gesamtgewicht von 32 Tonnen vom Mittelalter bis 1800. Im Vortragsraum des Museums für Natur und Umwelt war ein Riesenberg von Archivalienpaketen aufgestapelt - Geschichte zum Anfassen? Das wohl nicht, denn zuerst mussten Lagerungsraum geschaffen und Sichtung und Ordnung durchgeführt werden. Ein Großteil der Unterlagen blieb jedoch weiterhin verschollen, bis es zwischen 1983 und 1990 zu internationalen und sogar erfolgreichen Verhandlungen, diesmal zwischen Moskau und Bonn, kam. Als Gegengabe waren im Tausch schon vorher Bestände des Stadtarchivs Reval von Westdeutschland nach Tallinn/Estland transportiert worden.

...und sogar in Armenien

Und weil es das Schicksal doch ab und an gut mit Archiven meint: 1998 kam es noch zu einem "Nachschlag": Armenien übergab der Bundesrepublik Deutschland einen umfangreichen Teil von Lübecker, Hamburger und Bremer Archivalien, darunter die hochwichtigen mittelalterlichen Grundbücher Lübecks. Insgesamt sind zwischen 1987 und 1998 etwa 1.100 Regalmeter Unterlagen an die Trave zurückgekommen. Mit einem Schwund von etwas mehr als fünf Prozent muss freilich gerechnet werden. Wer weiß, vielleicht kehren noch versprengte Stücke aus dem Osten zurück.

Das Happy-End

Eindrucksvolle Schriftstücke, illuminierte Handschriften, prächtige Buchdeckel, farbige Initialen und sensationelle Funde erwartete nun die

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