Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 18. Juni 2019

Ausgabe vom 10. April 2007

Inhalte geheimer Treffen sind ungelüftet

Bremen, Hamburg und Lübeck trafen sich regelmäßig zu vertraulichen Konsultationen

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse.

Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland.

http://www.archiv.luebeck.de.

Lübeck 1897

Am 27. November 1897 erhält der Lübecker Bürgermeister Wilhelm Brehmer einen Brief seines hamburgischen Amtskollegen Versmann. Darin lädt er den gesamten Senat zur Besichtigung des gerade fertiggestellten Hamburger Rathauses ein. Das Gebäude war 1842 während eines gewaltigen Stadtbrandes zerstört worden und nun nach über fünfzigjährigem Tauziehen an anderer Stelle, schöner und großartiger denn je, aufgerichtet worden. Der bremische Senat war aus demselben Anlass ebenfalls eingeladen worden. Man wolle im Anschluss ein gemeinsames Mahl einnehmen und dann ungezwungen beisammen bleiben und über alle offenen Fragen sprechen. Die Einladung auf den 9. Dezember kam auch für die Bremer nicht überraschend.

Denn es war zuvor eine vertrauliche Korrespondenz geführt worden über solche jährlichen Zusammenkünfte der hanseatischen Senate.

Drei souveräne Hansestädte

Die drei souveränen Hansestädte waren neben 19 fürstlichen Staaten die einzigen republikanischen Bundesstaaten im Deutschen Reich. Im übrigen waren die Bürgermeister keine Vorgesetzten der Senatoren, sie übten nicht einmal, wie heute, eine Richtlinienkompetenz aus. Jeder Senator war gleichberechtigt, der Bürgermeister fungierte nur als "primus inter pares", also als Erster unter Gleichen.

Damit die Hanseaten ihre Interessen, besonders gegenüber den Reichsbehörden in Berlin, besser durchsetzen konnten, war es wichtig, dass man sich untereinander erst einmal genauer kennenlernte. Und eben dazu sollten diese vertraulichen Konsultationen dienen. In der Abfolge Hamburg, Bremen, Lübeck hat man sich fortan einmal im Jahr getroffen. Dabei war das Besichtigungsprogramm eher vordergründige Besuchsroutine. Das Neue und eigentlich Wichtige waren die informellen und vor allem vertraulich geführten Gespräche im kleinen Kreis, ein Gedankenaustausch unter wirklich Verantwortlichen.

Das Konzept scheint aufgegangen zu sein. Zwar wissen wir wegen der vereinbarten und strikt eingehaltenen Vertraulichkeit nicht, worüber eigentlich gesprochen wurde und wie effektiv die Treffen letztendlich gewirkt haben, doch die im Archiv der Hansestadt Lübeck verwahrten Akten über die bis zum Ende der 1920er Jahre stattgefundenen Zusammenkünfte, geben immerhin anschaulich Auskunft über deren äußerlichen Ablauf.

Jeder der drei Stadtstaaten präsentierte als Gastgeber das Neueste und Interessanteste, was in den letzten Jahren gebaut oder geschaffen worden war. So lud Lübeck beim ersten Mal zur Besichtigung des fast vollendeten Elbe-Lübeck-Kanals ein (1899). Die neue Herrenbrücke über die Untertrave sowie die repräsentativen Schulbauten von Ernestinenschule und Johanneum (1906), das gerade eingerichtete Schabbelhaus (1909), das Drägerwerk (1912) und später der Travemünder See- und Landflughafen auf dem Priwall (1928) waren solche Ausflugsziele.

Selbstdarstellung

Im Vergleich der drei Hansestädte lässt sich ablesen, wie die Selbstdarstellung der jeweils gastgebenden Stadt einen förmlichen Wettbewerb herausgefordert hat. Jeder der drei Senate will ein unvergessliches Programm bieten: Exklusive Besichtigungen und ein besonders gelungenes Mahl, damit der äußere Rahmen der Gastfreundschaft stimmt. Als Lübeck 1899 zum ersten Mal empfängt, werden die Mitglieder der beiden anderen Senate in Hamburg mit einem Sonderzug der Lübeck-Büchener-Eisenbahn abgeholt, obwohl noch nicht einmal vierzig Herren zu befördern sind!

Die Kosten für das gesamte Treffen werden damals über den Haushaltstitel "Ehrenausgaben des Senats" abgewickelt, wobei die Gastgeber das eigene Gedeck selbst bezahlen. Doch als die Lübecker erfahren, dass dies im wohlhabenden Hamburg nicht geschieht, entscheiden sie zehn Jahre später, dass die Treffen ja eigentlich eine "Repräsentationspflicht" seien, und fortan werden alle Kosten als budgetmäßige Ehrenausgaben gebucht.

Teures Treffen

Bis zum Ersten Weltkrieg steigern sich die äußeren Formen ins Repräsentative. Wird die Liste der insgesamt knapp 50 Teilnehmer mit Aufzählung ihrer

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