Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Donnerstag, 18. April 2019

Ausgabe vom 10. Juli 2007

Als Buddenbrooks die Krise bekamen

Herbst 1857: Lübeck in der ersten weltweiten Wirtschaftskrise

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse.

Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland.

http://www.archiv.luebeck.de.

Die 1850er Jahre sind durch eine anhaltende Hochkonjunktur geprägt. Man spricht von einer ersten Gründerzeit. Anfänge einer Industrialisierung sind ebenso zu beobachten, wie ein ungewöhnlicher Handelsaufschwung. Jedermann will Geschäfte machen, und wenn das eigene Kapital nicht ausreicht, wird Kredit auch mal leichtsinnig in Anspruch genommen.

Das Ende des Krimkrieges 1856 wird zum kräftigen Dämpfer der vielfach maßlosen Warenspekulation. Doch nur wenige Kaufleute reagieren auf dieses Warnsignal.

Weltwirtschaftskrise

Ein Jahr später, im Sommer 1857, bricht sie plötzlich aus, eine förmliche Weltwirtschaftskrise, wie man sie zuvor noch nicht erlebt hat.

Firmenpleiten im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten sind der Auslöser. Von Ohio springt der Funke in das Wirtschaftszentrum New York, von dort nach London und schließlich auf den europäischen Kontinent.

Hier wird die Hansestadt Hamburg zum Zentrum des Krisengeschehens. 200 Handelsfirmen stellen innerhalb weniger Wochen ihre Zahlungen ein, ein Viertel von ihnen muss später Konkurs anmelden.

Familienchronik

Angesichts der traditionell engen wirtschaftlichen Verbindungen sind die Folgen auch in Lübeck zu spüren. Wir können sie sogar in Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" aufspüren, denn dessen literarischer Erstling ist ja auch so etwas wie eine Familien- und Firmenchronik der Manns.

Johann Siegmund Mann, der älteste Sohn des Konsuls, im Roman Onkel Gotthold genannt, hatte im Sommer 1857 eine eigene Handelsfirma gegründet. Als Folge leichtsinniger Geschäfte muss er zwei Tage vor Weihnachten seine Zahlungen einstellen.

Die Familie entschließt sich, ihm bei der Schuldenregulierung zu helfen. Daraufhin billigt der Senat dem immerhin schon 30-Jährigem Kaufmann eine erleichterte außergerichtliche Liquidation der Firma zu.

Peinlicher Bankrott

Peinlicher war da schon die wenige Tage vorher in Hamburg erfolgte Zahlungseinstellung von Ernst Elfeld, dem 28 Jahre alten Schwiegersohn des Konsuls. Dieser hatte im Mai 1857 in der Marienkirche dessen Tochter Elisabeth geheiratet. Bei der Prüfung seiner Geschäftsbücher durch die Zwangsverwalter stellt sich jetzt heraus, dass Elfeld zum Zeitpunkt der Heirat bereits bankrott war. Allein die Mitgift von Konsul Mann hatte dem Heiratsschwindler damals die geschäftliche Existenz gerettet.

Der Zorn des Konsuls kennt nun keine Grenze: Elfeld darf nicht mit weiterer familiärer Hilfe rechnen, er muss Konkurs anmelden. Unter dem Namen Bendix und Tony Grünlich können wir das Schicksal des unglücklichen Ehepaars in romanhafter Verfremdung in "Buddenbrooks" nachlesen.

Wer erbte was?

Und was ist aus den beiden Pechvögeln geworden? Johann Siegmund erbte nicht die väterliche Getreidehandelsfirma. Nachfolger des Konsuls wurde vielmehr sein Halbbruder Thomas Johann Heinrich, ein Sohn aus der zweiten Ehe.

Als Finanzsenator und Vater der Dichterbrüder lebt er noch im Gedächtnis der Stadt. Der zurückgesetzte Sohn dagegen "erbte" vom Vater immerhin den achtbaren Titel eines königlich-niederländischen Konsuls und wohnte am Lebensende in der Villa Roeckstraße 1 a, schon damals eine geschätzte Adresse.

Gnädiges Schicksal

Für Elfeld dagegen bedeutete der Konkurs das wirtschaftliche und gesellschaftliche Aus. Er ist nie wieder selbständig tätig gewesen. Doch auch mit ihm meinte das Schicksal es gnädig. Nach vielen Jahrzehnten, in denen er weitab vom Schuss, in der österreichischen Metropole Wien, beschäftigt war, setzte er sich in Lübeck zur Ruhe.

Von der Mitgift seiner zweiten Frau kaufte er dort in der Vorstadt St. Jürgen das Einfamilienhaus Klosterstraße 7 a. Auch das keine schlechte Adresse für einen gescheiterten Kaufmann.

Doch noch ein "Happy End"

Und das versöhnliche, sozusagen lübsche Happy-End: Alle Beteiligten haben heute noch ihre Grabstätte auf dem Burgtorfriedhof an der Travemünder Allee. Prof. Dr. Gerhard Ahrens

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