Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 11. Dezember 2018

Ausgabe vom 24. Juli 2007

1817: Bürgerglück durch Spargroschen

Die Gemeinnützige eröffnet 1817 eine Sparkasse für Jedermann

"Geschichten aus der Geschichte Lübecks" stehen im Mittelpunkt dieser kleinen Artikelserie, die Sie in der SZ lesen können. Geschrieben wurden sie von MitarbeiterInnen und Freunden des Archivs der Hansestadt Lübeck auf der Grundlage der dortigen Schätze zur Geschichte der Stadt und der Hanse.

Das Archiv verwahrt unter anderem zirka sechs Kilometer Akten, Karten und zirka 20.000 Urkunden und Testamente vom Hochmittelalter bis heute. Wissenschaftler kommen ebenso in das Archiv wie Heimat-, Haus- und Familienforscher. Das Archiv der Hansestadt gehört zu den größten und bedeutendsten Kommunalarchiven in Deutschland.

http://www.archiv.luebeck.de

Am Donnerstag, den 12. Juni 1817, treffen sich sechs Herren im Vorsteherzimmer des Waisenhauses am Domkirchhof, Ecke Fegefeuer. Die angesehenen Mitglieder der Gemeinnützigen, fünf Kaufleute und ein Jurist, nehmen um Punkt 11 Uhr ihre ehrenamtliche Tätigkeit als Verwalter der "Lübeckischen Spar- und Anleihe-Kasse" auf.

Initiator der neuen Einrichtung ist der Direktor der Gesellschaft zur Beförderung gemeinnütziger Thätigkeit, eben der Gemeinnützigen, Nicolaus Heinrich Brehmer. "Wer Bürgerglück befördern will", hatte der praktische Arzt einmal formuliert., "muss es gerne schaffen helfen." Auch die neue Sparkasse soll dazu dienen, lübeckisches Bürgerglück zu fördern.

Die Gründung hat eine lange Vorgeschichte. Aufgabe von Sparkassen war es, kleine, ja kleinste Geldbeträge bei armen Leuten zu sammeln, sicher anzulegen und gut zu verzinsen. 1778 riefen einige Hamburger die erste derartige Sozialeinrichtung Deutschlands ins Leben. 1796 kopierte die Kieler Gesellschaft freiwilliger Armen-

freunde dieses Beispiel.

Gründungsgeschichte

In Lübeck wurden solche Aktivitäten aufmerksam verfolgt. Aus den im Archiv der Hansestadt Lübeck verwahrten Akten der Gemeinnützigen lässt sich die Gründungsgeschichte der Sparkasse rekonstruieren. 1801 schlug Pastor von der Hude vor, in der Hansestadt "eine Spaar-Casse für Dienstbothen und dergleichen Leute der niederen Stände" zu errichten. Da es jedoch eine ähnliche Einrichtung bei der einflussreichen Brauerzunft bereits gibt, verzichtet man auf den Plan.

Erste Schwierigkeiten

Ein anderes Projekt scheitert 1809 an den Schwierigkeiten, die die Besetzung der Stadt durch die Franzosen mit sich brachte. Erst ein dritter Anlauf hat Erfolg. Dabei sieht Dr. Brehmer jedoch nicht auf die Interessen der "niederen Stände", sondern er will den Grundeigentümern helfen. Da es nach der Franzosenzeit nur schwer möglich ist, Geld durch die Eintragung von Hypotheken zu beschaffen, will er mit der Sparkasse eine zusätzliche Möglichkeit der Kreditvermittlung organisieren. Darum ist die Mindesteinlage mit 10 Courantmark (das entspricht in heutiger Kaufkraft etwa 130 Euro) vergleichsweise hoch, für arme Leute jedenfalls zu hoch.

Auch wenn dieser Mindestbetrag zehn Jahre später auf die Hälfte gesenkt wird, hat die lübeckische Sparkasse nie das Image einer "Bank für kleine Leute" gehabt. Sicher hat die enge Verbindung zur renommierten Gemeinnützigen als der Stifterin des heute ältesten Kredit-

instituts in der Hansestadt dazu beigetragen.

Modernes Kreditinstitut

Die ehrenamtliche Verwaltung wurde erst 1927 aufgegeben. Seitdem hat sich die Sparkasse zu Lübeck, wie sie seit 1958 heißt, zu einem modernen Universalkreditinstitut entwickelt. Eine Besonderheit in der Sparkassenlandschaft ist es, dass die Sparkasse keinen öffentlich-rechtlichen Gewährträger hat. Damit ist das Lübecker Institut die älteste noch bestehende "freie" Sparkasse in Deutschland. Eigentümer der 2004 umgegründeten Sparkasse zu Lübeck AG sind die Gemeinnützige Sparkassenstiftung zu Lübeck (mit 76 Prozent) und die Hamburger Sparkasse AG (mit 24 Prozent). Wäre Nicolaus Heinrich Brehmer nicht Arzt, sondern Werbeprofi gewesen, hätte schon er vor 190 Jahren den aktuellen Slogan geprägt: "Gut für Lübeck". Denn die Sparkassenstiftung ist mit einer jährlichen Ausschüttung von mehreren Millionen Euro nach Possehl die zweitgrößte gemeinnützige Stiftung in der Hansestadt. Prof. Dr. Gerhard Ahrens

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