Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 16. Juli 2018

Ausgabe vom 04. März 2008

100 Gramm Aufschnitt und ein Schnack

Kücknitzer Markt zeigt sich vielfältig, überschaubar und stolz seinen treuen Kunden

Es ist Freitag, Kücknitz erwacht zeitig. Früh sind die ersten der 14 Händler des Wochenmarktes da, der Platz neben Kirche und Spielplatz ist klein, aber angenehm und stimmungsvoll. In der Umgebung gibt es viele Discounter. Trotzdem hat der Wochenmarkt eine große Bedeutung für die Kücknitzer, erfüllt seinen Zweck, gehört zur Tradition: Bei Wind und Wetter sind die Händler und Marktgänger unterwegs.

Manch ein Stammkunde kommt inzwischen seit über 40 Jahren zu "seinem" Beschicker, man kennt inzwischen die zweite und dritte Generation, tauscht Rezepte aus, erzählt über Gott und die Welt. "Die Kücknitzer sind treu. In den letzten Jahren haben sie uns oft gezeigt, wie wichtig wir für sie sind, wie gern wir hier gesehen werden", lobt Sven Bössow.

Der 34-jährige Markthändler ist seit fast sechs Jahren selbstständig, kennt den Markt aber schon von früher, als er als Halbwüchsiger mitgefahren ist. "Die Kunden wären enttäuscht, sicher auch etwas böse, wenn man sie nur abfertigen würde. So mancher kommt schonmal für 100 Gramm Aufschnitt oder einen Matjes vorbei, um seinen Schnack loszuwerden", erklärt der Händler. "Und nebenbei", bemerkt Bössow, "ist man ja selbst auch interessiert, was es neues gibt".

Wenn man sich umschaut, sieht man ein sehr gemischtes Publikum. Teilweise kommen sehr junge Familien zum Einkaufen, für deren Kinder das "Einkaufen zum Anfassen" ein besonderes Erlebnis ist. Es machen sich aber auch zahlreiche Menschen auf, die mit den Händlern und dem Markt alt geworden sind.

Doch so idyllisch wie jetzt, war es auf dem Kücknitzer Wochenmarkt nicht immer. "Ich bin hier groß geworden. Plötzlich hieß es, den Markt braucht man nicht mehr. Es war ungewiss, wie es mit uns weitergehen sollte", erzählt Bössow. Doch vielen kleinen und großen Spenden der Kücknitzer, zahlreichen Initiativen und dem Einsatz der Marktliebhaber ist es zu verdanken, dass nach einer Überbrückungszeit auf dem Ausweichplatz ums Bürgerbüro endlich der jetzige Standort eröffnet werden konnte. "Das war ein Zeichen der Kücknitzer, dass wir hier gewollt sind", resümiert der Geflügelhändler.

"Unser Geschäft ist sehr Personenbezogen", erzählt Fischwagenchef Ingo Massa. Der 41-Jährige ist seit sechs Jahren dabei, hat in dieser Zeit aber schon einiges erlebt. "Da kommt es vor, dass hier eine Schlange steht, einer etwas sagt und plötzlich eine Diskussion entbrennt, in die alle mit einfallen und sogar das Einkaufen vergessen." Offensichtlich ist es besonders attraktiv, dass der Wochenmarkt keine High-Tech-Messe ist, sondern mit einfachen Mitteln und ohne viel Technik die Ware präsentiert wird.

Einer der ältesten Marktbeschicker ist Harald Beyer - "Harald, der Blonde". Seit gut 35 Jahren ist der heute 67-Jährige auf den Wochenmärkten unterwegs und sagt noch immer: "Das ist mein Leben. Ich gebe alles, um meine Kunden zufrieden zu stellen." Jeden Tag viertel nach drei aufzustehen - daran gewöhne man sich. "Und außerdem", lacht der blonde Harald, "hat man hier jeden Tag die tollsten Erlebnisse. Man wird trotz des Alters jeden Tag besser und das Vertrauen - das wichtigste bei Marktgeschäften - wächst auch stetig. Was will man mehr?"

Jeden Freitag von 8 bis 13 Uhr verkauft Harald der Blonde auf dem Kücknitzer Wochenmarkt Pflanzen und unterhält mit seiner sympathischen Art seine Kunden, während Bössow Geflügel und Massa Fische über den Tresen reicht. Vielfältig, überschaubar und stolz zeigt sich der Wochenmarkt auch nächsten Freitag wieder und lässt somit die Tradition nicht einschlafen. fem

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