Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 23. Oktober 2017

Ausgabe vom 12. August 2008

Aus der Welt der Tagesmütter

Qualifizierung ist notwendig - Eine schöne Arbeit mit viel Abwechslung

Seit Juli gibt es in Lübeck 19 "neue" Tagesmütter. Sie absolvierten erfolgreich den Qualifizierungskurs als "anerkannte Tagespflegeperson". Mit dem Zertifikat wird den Frauen eine Ausbildung über 160 Stunden in den Bereichen Pädagogik, Psychologie, Soziologie, Recht und Gesundheit bescheinigt und die Ableistung eines 40stündigen Praktikums in Kindertagesstätten oder in einer Kindertagespflege bestätigt.

"Im Oktober 2005 wurde das Tagesbetreuungsausbaugesetz neu geregelt", informiert Klaus Pfeffer vom Bereich Familienhilfe. So dürfen Kinder unter drei Jahren bereits ab dem ersten Kind nur von einer anerkannte Tagespflegeperson betreut werden. "Früher galt das ab vier bis fünf Kinder", berichtet Pfeffer weiter. Hintergrund sei, dass die betreuerischen Qualitäten der Tagespflegepersonen genau so gut sein müssen wie die der Mitarbeiterinnen einer Kinderkrippe. Im Kindertagesstättengesetz für Schleswig-Holstein seien die qualifizierten Tagespflegepersonen als Alternativangebot zu Sicherstellung des Rechtsanspruches auf Kinderbetreuung ausdrücklich erwähnt.

"Ursprünglich sind wir von sinkenden Kinderzahlen ausgegangen, dem ist aber nicht so. Wir haben Vermittlungszahlen, die im zweistelligen Bereich gestiegen sind", erklärt Klaus Pfeffer. Durch die Elternzeit bräuchten junge Eltern nach zwölf bis 14 Monaten einen Betreuungsplatz für ihr Kind - eben in der Kinderkrippe oder bei einer Tagesmutter - da die (häufig notwendige) Rückkehr in den Beruf ansteht . "Es besteht eine gesetzliche Verpflichtung, ausreichend Plätze zur Verfügung zur stellen", so Pfeffer.

Zwei Tagesmütter, die ihre Qualifizierung 2006 abschlossen, sind Sonja Rogge und Andrea Schulz. Beide lieben ihre Arbeit mit den Kindern. "Es ist toll, den Kleinen bei ihrer Entwicklung zuzusehen", sagt Andrea Schulz. "Zuerst krabbeln und nach und nach laufen sie", so die 39-Jährige weiter. "Ich bekomme zudem oft Anrufe von Eltern, wenn sie sie einen Rat brauchen und kann ihnen mit meiner Erfahrung Tipps geben", ergänzt Sonja Rogge. Dem stimmt Martina Haß, Mutter der zweijährigen Nele, die Rogge betreut, zu: "Sie hat einfach viel mehr Erfahrung als ich". Die kleine Nele ist bereits seit der zehnten Woche in der Obhut der Tagesmutter. "Die Schwangerschaft war ungeplant. Mein Mann und ich haben uns kurz zuvor ein Haus gekauft, und das musste und muss finanziert werden. Ich habe einen tollen Job, in den ich nach zehn Wochen wieder mit 30 Stunden die Woche einsteigen konnte", berichtet die Postbeamtin. Einen Krippenplatz bekam sie allerdings nicht, da sie einen Vollzeitplatz brauchte. "Ich bin froh, dass es die Tagesmütter gibt. Außerdem kommt meine Kleine so gleich mit anderen Kindern zusammen und entwickelt gar nicht erst Einzelkind-Allüren", fügt Haß schmunzelnd hinzu. Und: "Nele ist sehr weit für ihr Alter. Sie fängt bereits an, allein auf Toilette zu gehen".

Rogge und Schulz betreuen momentan jeweils drei bis vier Kinder (erlaubt sind bis zu fünf). Beide nehmen pro Kind und Betreuungsstunde zwischen drei bis 4,50 Euro. Das Jugendamt zahlt für Kinder aus Bedarfsfamilien einen Zuschuss von 2,13 Euro. Da die beiden sich gut verstehen, denken sie über einen Zusammenschluss nach und möchten eine Wohnung anmieten, um hier gemeinsam die Kinder zu betreuen. "Wir wollen keine Konkurrenz zur Krippe sein", betont Sonja Rogge. "Doch die langen Wartezeiten auf Krippenplätze zeigen, dass unsere Arbeit benötigt wird". Beide Frauen wollen den Beruf der Tagespflegeperson weiterhin ausüben. "Reich wird man zwar nicht, aber allein müssten wir aufhören, weil sich die Arbeit sonst nicht rentiert. Und dann droht uns Hartz IV", so die 27-Jährige weiter. Ab dem nächstem Jahr müssten sich beide selbst krankenversichern, was die tatsächlichen Einnahmen um einiges schmälert.

Eine gemeinsame Wohnung, die von den Frauen kindgerecht eingerichtet und gestaltet würde, wäre also optimal. "Unser Traum: eine zentrale Drei-Zimmer-Wohnung im Erdgeschoss, mit einem kleinen Innenhof oder einem Spielplatz in der Nähe". Bis jetzt stellten sich Makler-Anfragen jedoch als erfolglos heraus: "Uns will keiner", sagt Rogge enttäuscht. "Dabei würden wir die Wohnung ja nur tagsüber nutzen, bis 16 oder 17 Uhr, sodass niemand in seiner abendlichen Ruhe gestört wäre". Die junge Frau freut sich über entsprechende Wohnungsangebote unter Telefon 0451/3907741.

Lübeck bietet seit 1996 die Qualifizierung der Tagespflegepersonen an. Einen möglichen nächsten Kurs bietet allerdings nicht mehr die Hansestadt an - Sparmaßnahme. "Es gibt ein Interessenbekundungsverfahren, das freien Trägern vorliegt", erklärt Klaus Pfeffer dazu. Der Bürgerschaft wird in der September-Sitzung ein entsprechendes Papier vorliegen. Sie entscheidet, ob und wer diesen Kurs künftig anbietet. msn

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