Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 18. August 2019

Ausgabe vom 04. August 1998

Große Freude, aber auch Enttäuschung

Eine Halbzeit-Bilanz des Schleswig-Holstein Musik Festivals 1998 aus Lübecker Sicht

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Der Pianist und Dirigent Vladimir Ashkenazy, 61, begeisterte vor allem mit seiner Interpretation von Mozarts d-moll-Klavierkonzert KV 466 in der MuK;Foto: Decca

Im 13. Jahr prägt das Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) den Sommer auch in Lübeck. Hier ist die MuK zentraler Schauplatz vor allem großer Orchesterkonzerte - diese bestimmen die Halbzeit-Bilanz. Traditioneller Auftakt mit den NDR-Sinfonikern, mit ihrem Ehrendirigenten Günter Wand: Wie dieser Unbestechliche in Sachen deutscher Romantik die 5. Sinfonie von Anton Bruckner wuchtige Gestalt annehmen ließ, wie dieser 86jährige unbeirrbar in den Tempi wie in der Tiefenschürfung das Orchester zur Höchstform trieb, bleibt ein unvergeßliches Erlebnis.

Darauf folgte der Robuste:Rafael Frühbeck de Burgos, deutscher Spanier, taktierte das Orchestra Filarmonica della Scala aus Mailand mit einem rechten Promenaden-Programm im Zeichen des Italien-Schwerpunkts. Enttäuschend die Wiedergaben zweier Werke von Mendelssohn mit der uninspirierten "Sommernachtstraum"-Ouvertüre - da versöhnten Respighis römische Impressionen, voran die "Pini di Roma", wobei das blitzsaubere Orchester begeisterte.

Ein beglückender Abend

Das wohl beglückendste Konzert dieses Sommers steuerte der Sensible, Vladimir Ashkenazy, mit dem Deutschen Symphonieorchester Berlin bei. Dieser wahre Künstler bot Mozarts d-moll-Konzert KV 466 in Personalunion als Pianist und Dirigent. Was oft als leidiger Kompromiß endet, wuchs hier zur Einheit, die in ihrer schlichten Sicherheit die Herzen berührte - ebenso wie Arnold Schönbergs Jugendstil-Epos "Pelléas und Melisande". Das war musikalische Verantwortung und Stilgefühl in selten zu hörender Ehrlichkeit.

Guiseppe Sinopoli, der Analytiker, kam mit der Accademia Filarmonica Romana, seinem Lieblingskomponisten Gustav Mahler und einem eigenen Werk:Das Kammerkonzert für Klavier, Bläser und Schlagzeug erwies sich als tonal angelehnte, feinsinnige Komposition - Mahlers "Lied von der Erde" in der abgemagerten Fassung für Kammerorchester trotz vieler Feinheiten als langwierig, auch wenn der Tenor Herbert Lippert, ehemals Lübecker, überzeugte.

Zwei weitere außergewöhnliche Abende standen zwischen den Orchesterkonzerten an. Weltstar Jessye Norman widmete sich deutscher Liedkunst, vermochte bei Richard Strauss ihren so üppigen Sopran zurückzunehmen und zarte Lyrik nuancenreich zu artikulieren - bei den "Mélodies" von Ravel und de Fallas "Canciones" durfte sie dann "aufmachen" und mit Vehemenz romantische Emotionen hinaussingen.

Eine Berio-Nacht machte mit den "Sequenze" des italienischen Komponisten Luciano Berio bekannt. Das sind 14 wie Improvisationen wirkende Solostücke, die an den jeweiligen Interpreten höchste Ansprüche stellen. Erfreulich an diesem langen Abend war, daß ein für zeitgenössische Musik großes Auditorium den Meistern des französischen "Ensemble InterContemporain" lauschte.

An dieser Stelle einmal ein Wort zur Frage:Soll das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck am Festi-val beteiligt werden? Der Augenschein spricht dagegen, und das keineswegs aus Gründen der Qualität - hier braucht sich unser Orchester keineswegs zu verstecken. Es gibt andere, gute Gründe. Der eine:Lübecks Philharmoniker haben die Aufgabe, zehn Monate im vollen Einsatz für die Musikfreunde in Stadt und Land mit Oper und Konzert präsent zu sein; das leisten sie hervorragend - danach haben sie ihre Sommerpause nötig. Der andere Grund liegt im Begrif "Festival":Er bedeutet, daß einmal im Jahr das Besondere -also vornehmlich exklusive Künstler zu exklusiven Preisen - fürs Bundesland herangeholt wird, vor allem auch für jene Regionen in Schleswig-Holstein, die fernab der musikalischen Zentren gelegen sind.

Lübeck ist das Zentrum

Lübeck ist nun einmal ein Zentrum. Und hier warten noch sieben interessante Festival-Konzerte von der Wiener Akademie unter Martin Haselböck am 4. August in St. Marien bis zum Finale mit den NDR-Sinfonikern am 29./30. August in der MuK:Interessant, daß sich dann der designierte künstlerische Festival-Leiter und NDR-Chefdirigent Christoph Eschenbach mit der 2. Sinfonie von Gustav Mahler vorstellt - mit eben jener Sinfonie, die er bereits vor zwölf Jahren beim SHMF mit demselben Klangkörper dirigiert hat. Güz

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