Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 20. Oktober 2017

Ausgabe vom 26. Oktober 2010

Thomas-Mann-Preis 2010

Der mit 25.000 Euro dotierte Literaturpreis erstmals an Christa Wolf ├╝berreicht

Am Sonntag ist die Schriftstellerin Christa Wolf im Theater Lübeck mit dem Thomas-Mann-Preis 2010 ausgezeichnet worden. Wolf erhielt den mit 25.000 Euro dotierten Preis, für ihr Lebenswerk. Er wurde ihr von Lübecks Bürgermeister Bernd Saxe und Prof. Dr. Dr. h. c. Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, verliehen. 

Den neuen Literaturpreis verliehen die Hansestadt Lübeck und die Bayerische Akademie der Schönen Künste, München, erstmals gemeinsam. Er ging aus dem Thomas-Mann-Preis der Hansestadt Lübeck sowie dem Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hervor. 

Bei der Übergabe des Preises an Christa Wolf, die als eine der bekanntesten DDR-Schriftstellerinnen gilt, sagte Bürgermeister Saxe: „Ich freue mich sehr, dass wir den Thomas Mann Preis in diesem Jahr zum ersten Mal gemeinsam verleihen. Und dass die Jury mit ihren Mitgliedern aus Bayern und Lübeck Sie, Frau Wolf, in großer Einmütigkeit von Nord und Süd als Preisträgerin benannt hat, ist das denkbar schönste Zeichen dieser neuen Verbundenheit, die uns hoffnungsfroh stimmt für die kommenden Jahre, in denen der Preis nun im jährlichen Wechsel in beiden Städten verliehen werden wird. In diesem Jahr feiern wir 20 Jahre deutsche Einheit. Dass Christa Wolf hier in Lübeck diesen Preis in diesem Jahr bekommt ist eine Koinzidenz. Die Auszeichnung gilt der Erzählerin Christa Wolf, die, so die Begründung der Jury: ‚in ihrem Lebenswerk die Kämpfe, Hoffnungen und Irrtümer ihrer Zeit kritisch und selbstkritisch befragt, mit tiefem moralischen Ernst und erzählerischer Kraft schildert und bis in die grundlegenden Auseinandersetzungen um Mythos und Humanität hinein erkundet.’ Herkunft spielt keine Rolle bei der Entscheidung, Politik nicht. Wohl aber die deutsche Sprache.“ 

Die Laudatio hielt der Dirigent, Musikwissenschaftler und Autor Prof. Dr. Dr. h.c. Peter Gülke. Er beleuchtete die Rolle Wolfs in der DDR: „In dem Staat, zu dem Christa Wolf als ‚Staatsdichterin’ passen würde, hätten selbst die gerne leben mögen, die ihr das Etikett anzukleben versuchten.“ Und betont zugleich, sie sei „eine Dichterin, deren Wort hüben und drüben viel bedeutet hat und weiter bedeutet.“ 

Daher „feiern wir eine Dichterin, ein Dichtwerk, welche nicht vorab von äußeren Umständen her gesehen werden sollten.“ Dennoch blieb „Frau Wolf jener DDR-typische Zynismus fremd, der mit dem Abstand zwischen Anspruch und Wirklichkeit faulen Frieden schloss und am Ende oft nicht mehr erkennen ließ, wer er war.“ 

Im Zentrum der Laudatio Gülkes, Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, stand aber die Auseinandersetzung und Analyse des sprachlichen Wirken Wolfs „in Büchern, deren besondere Qualität und Eindringlichkeit auch daher rührt, dass sie, immerfort auf der Suche nach Bodenhaftung, die Schwebe zwischen Dokumentation und Fiktion halten.“ 

Christa Wolf selbst sprach in ihrer Dankesrede davon, sie wolle versuchen, sich Thomas Mann „über Erinnerungen zu nähern“, denn zu Thomas Mann sei alles gesagt. Sie erinnerte an ihre Zeit als Germanistikstudentin 1950 an der Uni Jena, als sie die Novelle „Schwere Stunde“ las. „Was mir davon in Erinnerung blieb, war eine Atmosphäre von Qual, die sie ausstrahlte, von quälender Mühe mit der Schreibarbeit. Jetzt, als ich dieses Stück Prosa wieder las, sah ich, dass es in der Nussschale die wichtigsten Probleme anriss, die ihren Autor über die Jahrzehnte hin begleiten sollten - über ein halbes Jahrhundert hin, in dem ein kolossales Werk entstand.“ 

Im Zentrum der Rede der 81-Jährigen stand ihre persönliche Erfahrung und Auseinandersetzung mit Thomas Manns ‚Doktor Faustus’, gerade auch, weil sie 1992/93 ein Dreivierteljahr in Santa Monica ganz nah bei dem Ort lebte, an dem der ‚Doktor Faustus’ entstand: „Den ‚Doktor Faustus’ von Thomas Mann habe ich zum ersten Mal früh gelesen, ich könnte nicht mehr genau sagen, wann. Aber es gehörte zu den Büchern, die mir halfen, in das Wesen, vielmehr Unwesen des deutschen Faschismus einzudringen und mich, die ich zu der Generation gehörte, die als Kinder und Jugendliche nicht einmal den Namen eines Thomas Mann kennen sollten, gegen dieses Unwesen zu immunisieren. Benennen hätte ich diese Wirkung damals wohl nicht können, aber ich spürte, ‚welche Unmenschlichkeit dieses Buch des Endes kalt durchweht’. Das nicht! dachte ich. So nicht.“ 

Im Anschluss an ihre Dankesrede trug sich Christa Wolf in das Goldene Buch der Hansestadt Lübeck ein. Musikalisch umrahmt wurde der Festakt von Stücken des Komponisten Peter Michael Hamel, die dieser anlässlich der Preisverleihung geschrieben hat und die an diesem Tag uraufgeführt wurden. In den Liedern „Was bleibt“ und „Nachdenken über Christa W.“ würdigte Hamel (Gesang und Klavier) einerseits sowohl ihr literarisches Schaffen als auch ihr Lebenswerk.

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