Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Freitag, 24. Mai 2019

Ausgabe vom 11. August 1998

Es bröckelt am Holstentor

Wind und Wetter schädigen die dreireihige Terrakotten-Verzierung

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Frank Schlütter nimmt Terrakotta-Proben am Holstentor; Foto: S. Hornig

Sorge um das Holstentor: Die dreireihige Terrakotten-Verzierung des Lübecker Wahrzeichens muß dringend restauriert, teilweise erneuert werden. Nachdem Restaurator Jochen Seebach 1994 im Auftrag des damaligen Hochbauamtes (heute Bereich Hochbau) die Terrakotten auf der Stadtseite (Richtung Altstadt) Platte für Platte auf Schäden untersucht und gereinigt hatte, sind nun erste Schritte zur Untersuchung der Landseite (stadtauswärts) unternommen worden.

Vor wenigen Tagen nahm Diplom-Kristallograph Frank Schlütter das historische Bauwerk genau unter die Lupe - besser gesagt: unters Mikroskop. Mit einer kleinen Diamantsäge bewaffnet, stieg er immer wieder in die Höhe und entnahm winzige Terrakotten-Proben und untersuchte sie in seinem rollenden Labor der Materialprüfungsanstalt Bremen (MPA).

Starke Verwitterung

Das Rasterelektronenmikroskop im Laborwagen zeigte dem Wissenschaftler selbst kleinste Mikroorganismen auf den Proben - bis zu 80 000 mal vergrößert, "Die Terrakotten sind durch Umwelteinflüsse stark verwittert", stellte Schlütter in ersten Analysen bereits fest. Die endgültigen Ergebnisse werden zur Zeit noch ausgewertet.

Seit 1986 sind Laborwagen in ganz Deutschland unterwegs, um im Auftrag des Bundesforschungsministeriums den Verfall an historischen Gebäuden festzustellen. Speziell in Norddeutschland will man Ziegel und Terrakotten erfassen. Das Projekt läuft allerdings im September aus.

Diesmal, erklärt Jochen Seebach, habe man die Terrakotten intensiver untersuchen können. "Wir waren sehr überrascht, wie dünn die Platten sind - nur zwei Zentimeter", so Seebach. "Normalerweise haben wir bei Terrakotten aus dieser Zeit eine Dicke von acht bis zehn Zentimetern." Insofern seien die Terrakotten vergleichbar mit Ofenkacheln.

Ruß und Gips auf den Platten

Tatsächlich habe auch ein Lübecker Ofenbaumeister die Nachbauten 1860 hergestellt. Sie gehen auf Originale von 1460 zurück, von denen nur noch wenige heute erhalten sind; sie stellen allegorische Figuren wie den "Wilden Mann" oder den lübschen Adler im gothischen Stil dar.

Lediglich von äußeren Ablagerungen befreite der Restaurator jetzt die angegriffenen Schmuckstücke, wobei er sie mit einem besonders schonenden Wasserstrahlwirbelungsverfahren (in der Fachsprache "JOS-Verfahren") "abduschte". Auf Dauer, so Seebach, könnten marode Terrakotten jedoch anfangen, herunterzubröckeln. Deshalb sei es notwendig, die Substanz zu sichern - vor allem müßten Risse mit einem besonderen Mörtel hinterspritzt werden.

Es scheint, daß es den Terrakotten im untersten Vries schlechter geht als den oberen. "Eine Ursache dafür ist, daß die tieferliegenden Platten weniger Wind abbekommen und darum länger durchfeuchtet bleiben", so der 58jährige. Auf den Platten legten sich im Laufe der Zeit Ruß und Gips ab. Der Gips bilde sich aus Mörtelpartikeln, die sich bei Feuchtigkeit herauslösen.

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