Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Sonntag, 17. Dezember 2017

Ausgabe vom 29. November 2011

Björn Engholm und Integration

Was denkt der Ex-Ministerpräsident zu dem sensiblen Thema?

Liebe Leserinnen und Leser, heute lesen Sie die Fortsetzung der Integrationskampagne. Zu Wort kommt der Ex-Minister von Schleswig-Holstein, Björn Engholm.

Zu einer gelebten Willkommenskultur gehört Toleranz gegenüber dem Fremden und das Bewusstsein, dass sich eine Gesellschaft durch den Zuzug von Menschen aus allen Teilen der Welt wandeln und verändern wird. Ist Lübeck – Ihrer Wahrnehmung nach – offen und bereit ein Miteinander zu organisieren, statt nur ein Nebeneinander zu ertragen? Ganz ohne Zweifel. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung und alle wichtigen Institutionen der Stadt wollen ein Miteinander und sind bereit, sich dafür einzusetzen.

Bei der Integration geht es immer um einen wechselseitigen Prozess, nicht um Anpassung oder Assimilation. Was unternehmen Sie, bzw. was unternimmt Ihre Institution, Einrichtung oder Firma, für eine wirksame Integration? Ich bin weder Institution noch Firma, aber ich engagiere mich in all´meinen – meist ehrenamtlichen – Tätigkeitsfeldern gegen Vorurteile und Intoleranz und für die gleichberechtigte Einbeziehung aller BürgerInnen „nichtheimischer“ Herkunft in das Stadtleben.

Die defizitäre Lage der öffentlichen Haushalte wirkt erschwerend, adäquate Bedingungen für eine wirkliche Chancengleichheit zu schaffen. Ist eine gelingende Integration Ihrer Meinung nach, angesichts der angespannten Haushaltslage denkbar? Welche Akteure müssten gemeinsam ins Boot, um einen erfolgreichen Kurs anzusteuern? Finanznot macht Problemlösungen allemal schwerer, aber nicht unmöglich. Wichtig ist, das bürgerliche Engagement zu mobilisieren. Das heißt, Unternehmer, Gewerkschaften, Kirchen, Sport- und gemeinnützige Vereine, Kulturinstitute, deutsch-ausländische Gesellschaften, Amnesty International etc. zu gemeinsamem Bekenntnis – und gemeinsamem Handeln zu vernetzen.

Gerade jungen Menschen mit Migrationshintergrund muss stärker bewusst werden, dass  ihre interkulturellen Kompetenzen und Potenziale von der Gesellschaft anerkannt und gebraucht werden. Häufig ist es aber so, dass sie durch diskriminierende Alltagserfahrungen demotiviert sind. Mit welchen Worten könnten Sie diese Jugendlichen motivieren, dass sie für sich eine Chance in der Gesellschaft sehen? Sie lassen sich weniger mit Worten als mit konkreten Offerten motivieren – mit Bildungsangeboten, die auf ihre besondere Situation zugeschnitten sind, mit Ausbildungsplätzen (besonders für die schwächeren unter ihnen) – und mit Arbeitsplätzen. Nur mit Bildung, Ausbildung und Arbeit kann Integration gelingen.

Eine Frage zum Abschluss: Thomas Mann hat durch seine Mutter – Julia da Silva-Bruhns – brasilianischen Migrationshintergrund. Wussten Sie das? Klar. Sie war die Tochter eines lübschen Kaufmanns und seiner brasilianischen Frau, wurde Ehefrau von Thomas Johann Heinrich Mann – und Mutter von Thomas und Heinrich.  Genannt „Dodo“... Da sieht man, wie fruchtbar ein Migrationshintergrund sein kann!

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