Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 22. Juli 2019

Ausgabe vom 18. August 1998

Die Angst vor der Anarchie ist gewichen

20 Jahre Bauspielplatz in Buntekuh - Am Sonnabend großes Fest mit Hauseinweihung

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Mirco, André, Thomas, Jessica und Anja beim Budenbau; Foto: C. Przywara

"Wir wurden von 200 Kindern förmlich überrannt", erinnert sich Sozialarbeiter Peter Kauth an die erste Zeit nach der Entstehung des Bauspielplatzes in Buntekuh. "Sie standen Schlange, um Bretter und Werkzeug zu bekommen." Das war im August vor 20 Jahren. Zwei Jahrzehnte lang haben sich dort mehrere Generationen ihr "Eigenheim" gezimmert. Das Budenbauen war und ist der Hauptanziehungspunkt. Doch parallel dazu liefen und laufen jede Menge andere Aktivitäten, vom Kleidernähen bis zum Kanufahren. Das 20jährige Bestehen feiern Betreuer, Gäste und Freunde des Bauspielplatzes in der Seitenstraße am Sonnabend.

Bereits 1965 war der Abenteuerspielplatzverein in dem Stadtteil aktiv, um den rund 2500 Kindern zwischen acht und 14 Jahren eine Möglichkeit zum betreuten Toben zu bieten. Abenteuerspielplätze waren damals groß in Mode. In Lübeck jedoch mußten zunächst allerlei Widerstände überwunden werden. "Heute sind wir in den Stadtteil integriert und können uns auch auf die Hilfe der Nachbarn verlassen", so Kauth. "Damals dagegen fürchteten viele Bürger, wir würden dort Anarchisten großziehen."

Ab 1974 verhandelte der Verein mit der Stadt. Am 8. August 1978 war es schließlich soweit: Der städtische Bauspielplatz wurde eröffnet. In dem ersten, 80 Quadratmeter großen Blockhaus befanden sich Toiletten, Küche, Büro sowie ein Lager- und Spielraum. Ein Sozialarbeiter und eine Erzieherin betreuten die Kinder, die damals wie heute aus Buntekuh, Moisling und St. Lorenz zum Hämmern und Toben zum Bauspielplatz strömten.

Eifer kennt kaum Grenzen

Der Eifer am ungehemmten Budenbau kannte kaum Grenzen: "Die Kinder ließen sich nicht mal von einem Schneetreiben davon abhalten", erinnert sich die Erzieherin Marlene Kurth. Die meisten wollten dabei hoch und weit hinaus. Daran hat sich bis heute nichts geändert, so daß die Betreuer mitunter an die Sicherheitsvorschriften erinnern müssen, damit keine schwankenden Hochhäuser oder Brücken entstehen.

Es gibt Kinder, die schauen nur mal einen Tag vorbei, um ein wenig zu zimmern. Andere gehören bereits seit Jahr und Tag zum Inventar und sind stolze Reihenhausbesitzer. Wer ein Haus "besitzen" will, muß sich die Baugenehmigung erwerben, indem er fünfmal eine halbe Stunde aufräumt. Die Genehmigung wird jährlich neu vergeben. Wer sich nicht so recht an eine eigene Hütte herantraut, kann auch eine verlassene von anderen übernehmen und umbauen.

Zu Unfällen kommt es laut Kurth seltener als auf herkömmlichen Spielplätzen. Meist handele es sich um kleinere Mißgeschicke wie einen eingetretenen Nagel oder einen blaugeschlagenen Daumen.

Neben der Zimmerei haben die Betreuer mit den Kindern im Laufe der Jahre eigentlich schon alles ausprobiert: Floßfahren, Basteln, Seifenkistenrennen, Ballspiele, Billard, Tischtennis, ausgedehnte Ausflüge und Fahrradtouren - je nachdem, wofür die Kinder sich gerade begeistern.

Derzeit kommen im Durchschnitt täglich 100 Stamm- oder Schnuppergäste zwischen vier und 14 Jahren, die neben Kauth und Marlene Kurth von dem Erzieher Ralf Kobarg betreut werden. Mittlerweile gibt es ein Lehmhaus, das als Mehrzweckraum dient, einen Holzschuppen mit Werkstatt, einen Raum, in dem Flöße gelagert sind sowie einen alten Container, den eine Band jahrelang als Proberaum genutzt hat.

Ein Problem ist: Die Zerstörungsrate ist groß. Schon oft haben Unbekannte auf dem Gelände randaliert und Werkzeuge gestohlen. Auch von der jüngsten Brandstiftung, bei der zwei Spielhäuser abgebrannt sind, erholt sich der Bauspielplatz nur langsam. Seit einigen Monaten gibt es ein neues Haupthaus (die SZ berichtete) mit Spielraum, Toiletten, Küche, Büro, Lager und einem Raum für Schularbeitenhilfe.

Dieses Haus wird bei der Feier zum 20jährigen Bestehen des Bauspielplatzes gleich mit eingeweiht. Am 22. August steigt ab 15 Uhr das Kinderfest mit Feuerwehr, Anwohnerverein und der Sambatruppe der IGS Buntekuh. Gegen Abend ist Lagerfeuerromantik angesagt - mit Bands und Grillen.

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