Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Dienstag, 17. Oktober 2017

Ausgabe vom 07. Februar 2012

Wie kann Integration gelingen? Heute beantwortet Schulrat Gustav Dreier die Antworten

Unsere heutigen Fragen zur Integration in der Hansestadt beantwortet Gustav Dreier, Schulrat der Hansestadt Lübeck.

1. Zu einer gelebten Willkommenskultur gehört Toleranz gegenüber dem Fremden und das Bewusstsein, dass sich eine Gesellschaft durch den Zuzug von Menschen aus allen Teilen der Welt wandeln und verändern wird.

Ist Lübeck – Ihrer Wahrnehmung nach – offen und bereit ein Miteinander zu organisieren, statt nur ein Nebeneinander zu ertragen?

Das primäre Interesse der Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ist es sicherlich, Arbeit und eine akzeptable Wohnung zu haben und den Kindern eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Insofern ist das Nebeneinander der Normalfall und nicht problematisch, solange man sich toleriert. Probleme entstehen erst durch Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und Ghettobildung in bestimmten Stadtteilen. Hier gibt es schon eine ganze Reihe von Verbänden, Gruppen und Institutionen, die sich für ein bewusstes Miteinander einsetzen. Diese gilt es zu unterstützen und für uns als Schulen, sie stärker als bisher in die Arbeit mit Kindern und Eltern einzubeziehen.

2. Bei der Integration geht es immer um einen wechselseitigen Prozess, nicht um Anpassung oder Assimilation.

Was unternehmen Sie, bzw. was unternimmt Ihre Institution, Einrichtung oder Firma, für eine wirksame Integration?

In den Schulen spielt das Beherrschen der Deutschen Sprache die ausschlaggebende Rolle für den Schulerfolg. Das Land hat dies seit langem erkannt, daher wird der Unterricht im Fach ,,Deutsch als Zweitsprache“

(DAZ) von Seiten des Bildungsministeriums massiv gefördert. Die Lübecker Schulen erhalten DAZ-Stunden im Umfang von 23 Lehrerplanstellen. Kinder ohne deutsche Sprachkenntnisse werden in zwei DAZ-Zentren für Grundschüler an der Gotthard-Kühl-Schule und der Marien-Schule und einem DAZ-Zentrum für Sekundarschüler an der Luther-Schule in die Sprache eingeführt. Aber der DAZ-Unterricht allein reicht für erfolgreiche Integration sicher nicht aus, auch das Schulleben muss die Kulturen der Schülerinnen und Schüler aufnehmen und sichtbar machen.

3. Die defizitäre Lage der öffentlichen Haushalte wirkt erschwerend, adäquate Bedingungen für eine wirkliche Chancengleichheit zu schaffen.

Ist eine gelingende Integration Ihrer Meinung nach, angesichts der angespannten Haushaltslage denkbar? Welche Akteure müssten gemeinsam ins Boot, um einen erfolgreichen Kurs anzusteuern?

Wenn in Lübeck sinnvolle und überzeugende Konzepte für eine verbesserte Integration entwickelt werden, sind die Lübecker Stiftungen offen für eine finanzielle Förderung. Es geht hier nicht vorrangig um Geld. Unsere Schulen sind zum Teil durch die Schulreformen intensiv mit sich selbst beschäftigt. Vor allem ältere Jungen aus bildungsfernen Elternhäusern mit Migrationshintergrund werden oft als Verursacher von Problemen wahrgenommen. Hier muss ein Umdenken stattfinden. Die positiven Potentiale dieser Jungen und ihrer Familien müssen genutzt und deren Kultur in das Schulleben einbezogen werden, indem Organisationen wie die türkische Gemeinde, der türkische Elternverein, Türgem, das ,,Haus der Kulturen“ und andere in die Schule geholt werden, damit die Jugendlichen sich mit ihrer Schule stärker identifizieren können, ohne ihre eigene Identität aufzugeben.

4. Gerade jungen Menschen mit Migrationshintergrund muss stärker bewusst werden, dass  ihre interkulturellen Kompetenzen und Potenziale von der Gesellschaft anerkannt und gebraucht werden. Häufig ist es aber so, dass sie durch diskriminierende Alltagserfahrungen demotiviert sind.

Mit welchen Worten könnten Sie diese Jugendlichen motivieren, dass sie für sich eine Chance in der Gesellschaft sehen?

,,Du kannst es schaffen“ klingt banal, aber es ist wichtig, dass unsere Kinder mit Migrationshintergrund frühzeitig Vorbilder kennen lernen, die ihnen zeigen, dass auch und grade sie von uns gebraucht werden. Es gibt in Lübeck einige junge Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und auch die ersten jungen Lehrerinnen und Lehrer aus Lübecker Familien mit Migrationshintergrund, die könnten den Kindern als Vorbild dienen, wenn wir ihnen den Kontakt ermöglichen.

5. Eine Frage zum Abschluss: Thomas Mann hat durch seine Mutter – Julia da Silva-Bruhns – brasilianischen Migrationshintergrund. Wussten Sie das?

Ja, ich las grade einen Bericht über das brasilianische Elternhaus der Familie, das vom Verfall bedroht ist. Ich selbst habe übrigens eine italienische Urgroßmutter, sie hieß Carabelli. 

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