Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ausgabe vom 06. März 2012

Wie kann Integration gelingen?

Jahan Mortezai beantwortet die heutigen Fragen

Die heutigen Fragen zur Integration in der Hansestadt Lübeck beantwortet Herr Jahan Mortezai, Vorstandsvorsitzender des Forums für Migrantinnen und Migranten in Lübeck.

 

1. Zu einer gelebten Willkommenskultur gehört Toleranz gegenüber dem Fremden und das Bewusstsein, dass sich eine Gesellschaft durch den Zuzug von Menschen aus allen Teilen der Welt wandeln und verändern wird. Ist Lübeck – Ihrer Wahrnehmung nach – offen und bereit ein Miteinander zu organisieren, statt nur ein Nebeneinander zu ertragen? 

Lübeck ist, auch historisch bedingt, eine weltoffene und kulturfreundliche Stadt. Zwei Voraussetzungen, um friedliches Zusammenleben zuzulassen. Unsere Realität ist aber nicht mehr in der Historie zu finden, sondern in unserer Umgebung. Wir müssen unsere Augen aufmachen und uns wieder erkennen. Die Vielfallt und Unterschiede in unserer Stadt sind keine Wünsche, sondern eine Realität. Nutzen wir sie als Ressource. Bei der Integration geht es immer um einen wechselseitigen Prozess, nicht um Anpassung oder Assimilation. Wir haben es in einer modernen Gesellschaft nicht mehr mir der Kultur als eine „Inseln von festen Werten und Normen“, wie im 19. Jahrhundert. Zu tun, sondern mit einer dynamischen Kultur, die in einer demokratisch-dialogischen Prozess entsteht. Die Gestaltung dieses Prozesses ist eine Voraussetzung der Integration. Der Begriff „Bürger“ muss sich ausweiten. Nicht die Staatsangehörigkeit  soll über die Rechte einer Bürgerin entscheiden, sondern die gesellschaftliche Zugehörigkeit.

Die gesellschaftliche Zugehörigkeit im Gegensatz zu Staatsangehörigkeit ist eine aktive Aufgabe jedes Zugewanderten, sich der neuen Heimatort zu zu wenden und teil zu werden.

 

2. Bei der Integration geht es immer um einen wechselseitigen Prozess, nicht um Anpassung oder Assimilation. Was unternimmt Ihre Institution, Einrichtung oder Firma für eine wirksame Integration? 

Das Forum dient zunächst als ein Bazar der Meinungsbilung zum Thema Integration. Daher können Lübeckerinnen und Lübecker mit und ohne Migrationsgeschichte mitmachen. Insbesondere die Migratntenselbst-organisationen tauschen sich zu Integrationsspezifischen Themen aus. Aber auch interessierte Fachmänner und Fachfrauen sind herzlich willkommen.

Wir stehen in direkter Kontakt mit der Stabsstelle Integration, werden von der Politik und Verwaltung informiert und unsere Meinung gehört.

Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit sind weitere Schwerpunkte unserer Arbeit.

 

3. Die defizitäre Lage der öffentlichen Haushalte wirkt erschwerend, adäquate Bedingungen für eine wirkliche Chancengleichheit zu schaffen. Ist eine gelingende Integration Ihrer Meinung nach, angesichts der angespannten Haushaltslage denkbar? Welche Akteure müssten gemeinsam ins Boot, um einen erfolgreichen Kurs anzusteuern? 

Gerade angesichts unserer Haushaltslage müssen wir langfristig planen. Die Kosten einer fehlenden Integration wird in Zukunft viel mehr sein, als wenn wir jetzt an falsche Stelle sparen. Integration ist und kann nicht nur eine öffentliche Aufgabe sein. Alle gesellschaftlichen Teilen müssen beteiligt werden und ihren Beitrag leisten. Migrantenselbstorganisationen, Privatwirtschaft, Wohlfahrtverbände und nicht zuletzt Lübeckerinnen und Lübecker mit und ohne Migrationshintergrund. Es wird in Lübeck viele Einzelprojekte gemacht. Wir brauchen eine Inetgratiosmonitoring, d.h. eine regelmäßige Bedarfsanalyse, Durchführung und Auswertung.

 

4. Gerade jungen Menschen mit Migrationshintergrund muss stärker bewusst werden, dass  ihre interkulturellen Kompetenzen und Potenziale von der Gesellschaft anerkannt und gebraucht werden. Häufig ist es aber so, dass sie durch diskriminierende Alltagserfahrungen demotiviert sind. Mit welchen Worten könnten Sie diese Jugendlichen motivieren, dass sie für sich eine Chance in der Gesellschaft sehen? 

Bildung wird immer als Schlüssel zur Integration genannt, daher ist mein Appel an Jugendlichen, bildet die Gesellschaft nach euren Vorstellungen, sonst werdet ihr nach den Illusionen einer Gemeinschaft gebildet. Wir müssen die Rolle des Fremden ablegen und uns auch in diese Rolle nicht mehr drängeln lassen. Aktive Teilnahme und Teilhabe sind die Voraussetzung der Mitgestaltung.

 

5. Eine Frage zum Abschluss: Thomas Mann hat durch seine Mutter – Julia da Silva-Bruhns – brasilianischen Migrationshintergrund. Wussten Sie das? 

Nein das wusste ich nicht. 

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