Stadtzeitung Lübeck

Herausgegeben von der Hansestadt Lübeck

Montag, 23. Oktober 2017

Ausgabe vom 24. Juli 2012

Eine Urkunde geht auf Reisen

Ein Schatz des Lübecker Stadtarchivs geht auf Reisen

der Engländer und befreite damit für einige Zeit Schottland von englischer Oberherrschaft. Dafür wird er bis heute von den nationalbewussten Schotten verehrt. Bald nach der gewonnenenSchlacht verfertigte William Wallace zwei Urkunden, gerichtet an die Städte Lübeck und Hamburg. Darin lud er hanseatische Kaufleute ein, mit ihren Schiffen die schottischen Häfen anzulaufen. Händler seien erwünscht, Lübecker Kaufleute hochwillkommen.

Die aus acht Zeilen bestehende Einladung ist kein gewöhnlicher Brief. Die Zeilen sind auf Pergament geschrieben und mit einem wertvollen Siegel versehen. Der Hamburger Brief ist bei einem Stadtbrand vernichtet worden. Andere Schriftstücke von der Hand des Helden gibt es offenbar nicht.

Weshalb das schottische Parlament darum bat, die Urkunde einige Zeit im neuen Parlamentsgebäude von Edinburgh ausstellen zu dürfen. Um nicht schwermütig zu werden, wenn das Dokument dann wieder nach Lübeck zurückkehrt, sind die Schotten auf eine Idee gekommen, die jetzt verwirklicht wurde.

Ende vergangenen Monats entstand in den Räumen des Archivs eine Kopie, die so echt aussieht, dass Laien den Unterschied nicht bemerken. In Prag, so schrieben die Schotten, gebe es einen Spezialisten für mittelalterliche Schriften. David Frank so heißt der Könner wurde gebeten, im Lübecker Archiv ein Duplikat zu erstellen. So geschah es. Auf eigens geschaffenem Pergament und mit selbst hergestellten und angespitzten Federkielen malte der Fälscher das Dokument nach. Es wird in Edinburgh bleiben und im Museum zu sehen sein, wenn das Original wieder zurück an die Trave kommt.

Das Schicksal von William Wallace ist nicht nur in Schottland bekannt. Ein Film mit Mel Gibson erinnert an Braveheart. Der amerikanische Streifen hält sich nicht immer an die Historie. Aber vieles aus dem Leben von WW liegt ohnehin im Dunklen. Niemand kennt, zum Beispiel, das Geburtsdatum.Zwischen 1270 und 1280 soll er geboren sein. In Elderslie oder inEllerslie. Auch da streiten sich die Heimatforscher. Einige Jugendjahre verlebte er bei einem Onkel im Kloster Cambuskenneth bei Stirling. Dort hat er vermutlich Lesen und Schreiben gelernt, denn Allgemeingut war das im 13. Jahrhundert noch nicht.

Seine Urkunde ist deshalb auch nicht stilvoll durchformuliert, sondern eher in Stichworten aufs Pergament geworfen. Eilig hatte er es außerdem, denn König Edward I. von England rüstete zum Gegenfeldzug. Die nächste Schlacht gewannen die Engländer, und zwar am 22. Juli 1298. WW konnte fliehen. Er wurde aber durch eine hohe Belohnung verraten, am 5. August 1305 gefangen genommen und nach London gebracht. Nach fürchterlichen Folterungen richteten die Engländer ihn am 23. August 1305 hin.

Leichenteile wurden zur Abschreckung nach Schottland geschickt. Den Kopf spießten Royalisten an der London Bridge auf, der ältesten Brücke im Gebiet der City of London.

Bei Stirling errichteten die Schotten ihrem Helden ein Denkmal, einen 67 Meter hohen Turm. Wallace soll seinen Folterern zugerufen haben: Ihr englischen Hunde, verweichlichte Huren seid ihr, küsst meinen schottischen Hintern und seid stolz darauf, dies tun zu können; etwas Besseres kann einem jämmerlichen Engländer nicht passieren. Der Konflikt zwischen England und Schottland ging weiter. Nachzulesen etwa bei Schiller in seinem Drama Maria Stuart. Auch Schiller hielt sich nicht unbedingt an die historischen Fakten. Das aber ist künstlerische Freiheit.

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